Zsuzsa Bank: Die hellen Tage (I)

Es gibt Bücher, bei denen ich mir schon nach den ersten Seiten wünsche, sie mögen niemals aufhören. So ist es auch bei den hellen Tage von Zsuzsa Bank.

Was ist es, das uns unsere Lebenswege wählen lässt? Wie werden wir zu dem, was wir sind? Wann kommen die hellen Tage ins Leben? Und warum hören sie auf?

Ich reise mit Aja, Terese und Karl durch ihre Kindheit, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Dennoch wählen die drei einander aus. Sie wachsen zusammen, sie entfernen sich und können doch nicht ohne einander.

Was ist es, das uns Menschen in unsere Leben einladen lässt? Und uns Menschen wieder auseinander bringt?

Als ich – wie jung ich damals war! – den Parzival las, wunderte ich mich über die verpasste Mitleidsfrage. Oheim, was wirret dir? Ein Satz, in dem die Erlösung liegt. So schwer könne das doch nicht gewesen sein, dachte ich. So jung war ich damals.

Was ist es, das uns das Richtige zum richtigen Zeitpunkt sagen lässt? Wie oft habe ich diesen Zeitpunkt verpasst? Und du? Wie oft hast du die Mitleidsfrage gestellt? Wie oft hast du dich nicht getraut?

Wie Parzival mache ich Runde um Runde – doch ich lerne nichts dazu. So reise ich weiter mit Aja, Terese und Karl durch ihre Jugend und frage mich, ob die hellen Tage jemals wiederkommen.

I

Lesend habe ich mir die Welt erschlossen, lesend habe ich gelebt und lesend habe ich mich verloren, bis ich zu lesen aufhörte. Ich erkunde die Welt der Nichtlesenden und lande doch wieder bei der Literatur. Poetry Slam, Rap, Grenzwertiges.

Eigene Worte zu finden, wenn man nicht mehr an die Sprache glaubt – Cut. Ich wiederhole mich.

Ich spreche über Literatur, bin begeistert, stecke an und schaue mir dabei zu, als wäre ich eine andere. Am liebsten wäre ich Romanfigur geworden, stattdessen wurde ich Lehrer. Ein tiefer Fall.

Ich bin so meta und lande doch immer nur bei mir. Langeweile, Selbstgespräche, Stille, Aktionismus.

Immer war ich zu wenig. Zu wenig laut, zu wenig leise, zu wenig offen, verschlossen, zu unpassend. Manchmal auch zu viel. Zu belesen, zu laut, zu leise, zu offen, zu angepasst, zu radikal, zu strange.

Ich bin – mir fällt keine Fortsetzung des Satzes ein.

Das Leben als Leerstelle

«Das Paradies ist schlecht zu ertragen, solange man noch nicht gestorben ist, […]»

Leta Semadeni, Tamangur


Wenn die Grossmutter vom Grossvater spricht, wandern ihre Augen immer wieder zur Zimmerdecke, von dort scheinen sie sich ihren Weg nach Tamangur zu suchen.Tamangur, ein Ort an dem es keine Gemsen, keine Sonntage, kein Weihnachten und keine Sonntagsbraten gibt, wie die Grossmutter erklärt. Es sei als ob. Der Erstlingsroman von Leta Semadeni zeichnet sich vor allem durch Leerstellen aus, durch das Ungesagte. Tamangur wird zu einer verwunschen klingenden Chiffre für das Reich der Toten.

Die Lyrikern bleibt ihrer Gattung treu, so ist auch Tamangur kein Roman im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr eine Sammlung von 73 Prosaminiaturen, die sich erst durch die Rezeption zu einem Roman zusammenfügen. Das Ungesagte trägt die Leserin durch das Werk. Es führt dazu, dass scheinbar Unzusammenhängendes sich ineinander verkettet und weiterträgt.

Leerstellen sind es, die die Leben der Grossmutter und des Kindes ausmachen. Es fehlt der Grossvater, es fehlen die Eltern und es fehlt der Bruder, der im Fluss ertrunken ist. Vielleicht ist das Kind schuld. Die Grossmutter und das Kind arrangieren sich, spenden sich Wärme und Trost und doch können sie die gegenseitigen Leerstellen nicht auffüllen.

Und dann gibt es all die anderen skurrilen Gestalten, die den Roman bevölkern. Elsa mit ihrem Elvis im Schlepptau und Kasimir, den Freund des Grossvaters, die Schneiderin, die Erinnerungen klaut und die Nachbarin.

«Meine Seele fotografiert viele Sachen, […] aber ich weiß nicht immer, wohin die Bilder gehören. Sie tauchen plötzlich auf und verlangen, dass ich ihnen Aufmerksamkeit gebe.»

Die Erwachsenen verstricken sich in ihren Erinnerungen und Begierden, während sich das Kind wundert. Die lyrisch-kindliche Erzählperspektive schafft ein zutiefst menschliches Panoptikum, das die Dorfwelt des Romans in die städtische Stube holt. Es ist ein Werk, das Gattungsgrenzen sprengt. Es ist kein Roman, kein Gedicht und auch kein Miniaturzyklus. Es ist ein Dazwischen. Ebenso wie auch die Menschen im Werk irgendwo zwischen Realität, Traum, Vorstellung und Fiktion changieren.

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