XXVII

„Ich schreibe gerne Gedichte und Geschichten, weil ich mich so in eine eigene Welt zurückziehen kann. Wenn ich Streit habe, schreibe ich mir zum Beispiel ein Gedicht zum Trösten“
Marie – Schülerin, 11 Jahre, Hildesheim

via: Literaturapotheke

Vielleicht ist es Teil meines Problems, dass ich literaturwissenschaftlich zu gebildet bin und gleichzeitig nie erfahren habe, wie ich diese literaturwissenschaftliche Bildung in meine Empfindungen integrieren könnte.

Lesen ist für mich noch immer – manchmal schäme ich mich dafür – ein naiver Prozess. Lesend sammle ich Erlebnisse, erweitere meinen fiktiven Erfahrungsschatz und kann mich lebenserfahrener fühlen, als ich es tatsächlich bin. Ich erzähle mir Geschichten im Wissen, dass es nicht meine sind. Literatur ist Trost. Literatur ist Hoffnung.

Mir selbst Trost und Hoffnung zu schreiben, verbietet der Literaturwissenschaftler in mir. Er lacht, wenn ich daran denke. Ich schwinde.

Am liebsten wäre ich eine Romanfigur.

Ich empfinde es als Stärke, wenn jemand unvoreingenommen an Texte herangeht, sie nicht diskursiv erschlägt.

Sprache ist für mich Struktur, Ordnung geworden, ohne ihre Seele zu verlieren. Dabei erinnere ich mich auch an die letztjährige Lyrikkritikdebatte und frage mich, wo ich mich hier einordnen würde, wenn ich Kritikerin wäre.

Landschaften abbilden. Das ist das, was ich gelernt habe. Mein Handwerk. Vielleicht ist es auch das, was mich vom Schreiben und Empfinden abhält.

XXVI

Aber erst muss man etwas empfinden, erst dann fließen die Worte.

Die Mützenfalterin

Wie wahr dieser Satz ist.

Wofür empfinde ich etwas? Ich stehe in der Buchhandlung, will mir das neue Buch von Schischkin holen und lande in der Informatik- und Mathematikabteilung. Zahlen, Formeln, Algorithmen ziehen mich an. Warum ich Germanistin geworden bin, frage ich mich und verschiebe auf dem Tablet eine Figur auf einem Spielfeld, indem ich Code schreibe. Wohin mit dem Leben, wenn die nächsten Jahre verplant sind. Ich wollte es so. Was empfinde ich dabei?

Ich behaupte schon lange nicht mehr, dass ich Sprache spannend finde. Manchmal denke ich es und werde müde. Ich langweile mich selber. Die Kluft zwischen Beruf und Berufung wächst. Auf einer Seite ist eine Leerstelle.

Angefangen zu bloggen habe ich, weil ich über Literatur schreiben wollte und drehe mich hier doch nur um mich selbst. Ich langweile mich selbst. Gestern dachte ich an einen Radikalschnitt. Im Ausmisten und Weglaufen bin ich gut.

Was macht ein gutes Lesetagebuch aus?

Ein wenig Leben

What a reader can always tell is when you are holding back for fear of offending them. I wanted there to be something too much about the violence in the book, but I also wanted there to be an exaggeration of everything, an exaggeration of love, of empathy, of pity, of horror. I wanted everything turned up a little too high. I wanted it to feel a little bit vulgar in places. Or to be always walking that line between out and out sentimentality and the boundaries of good taste. I wanted the reader to really press up against that as much as possible and if I tipped into it in a couple of places, well, I couldn’t really stop it.”

Quelle

Ich bin ja immer etwas skeptisch, wenn Bücher zu sehr gehyped werden, aber in A Little Life von Hanya Yanagihara habe ich etwas erlitten, das ich zuletzt in der Kampfhexalogie von Knausgard erlebt habe.

17.5

Vielleicht ist es so, wie es Jude in Ein wenig Leben beschreibt: Es ist, als ob er in einer anderen Kultur aufgewachsen wäre. Zu sagen, etwas sei unbekannt, bedeutet immer auch, erklären zu müssen, was man stattdessen kennt.

Wo liegt meine Heimat? Gerne würde ich sagen, sie liege zwischen Buchdeckeln – doch das wäre gelogen.

XXV

Wie schreibt man, wenn einem gefühlt das Ich abhanden gekommen ist?

Vor lauter Können das Wollen aus den Augen verloren, ja, nicht einmal mehr danach gefragt und sich dann über den Scherbenhaufen gewundert.

Aufrichtigkeit ist wichtig. Wie geht das, aufrichtig zu leben?

Ansonsten Bruchstücke, die weit entfernt scheinen.

Kreisen. Hoffentlich um das Richtige.

17.4

Den eigenen Vorsätzen hinterherhinken und erkennen, dass Hinterherrennen auch keine Lösung ist. Überhaupt zusehen, wie sich eine gelassenere Perspektive entwickelt.

Dabei denke ich immer wieder an den Lehrer Simrock, der eines Tages sein Herz spürte.

Was will ich? Was will ich nicht mehr? Loslassen lernen und sehen, dass dies kein Scheitern ist. Erwartungen anderer enttäuschen.

Die Möglichkeit zum Keimen bieten. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.