Ein wenig Leben

What a reader can always tell is when you are holding back for fear of offending them. I wanted there to be something too much about the violence in the book, but I also wanted there to be an exaggeration of everything, an exaggeration of love, of empathy, of pity, of horror. I wanted everything turned up a little too high. I wanted it to feel a little bit vulgar in places. Or to be always walking that line between out and out sentimentality and the boundaries of good taste. I wanted the reader to really press up against that as much as possible and if I tipped into it in a couple of places, well, I couldn’t really stop it.”

Quelle

Ich bin ja immer etwas skeptisch, wenn Bücher zu sehr gehyped werden, aber in A Little Life von Hanya Yanagihara habe ich etwas erlitten, das ich zuletzt in der Kampfhexalogie von Knausgard erlebt habe.

17.5

Vielleicht ist es so, wie es Jude in Ein wenig Leben beschreibt: Es ist, als ob er in einer anderen Kultur aufgewachsen wäre. Zu sagen, etwas sei unbekannt, bedeutet immer auch, erklären zu müssen, was man stattdessen kennt.

Wo liegt meine Heimat? Gerne würde ich sagen, sie liege zwischen Buchdeckeln – doch das wäre gelogen.

XXV

Wie schreibt man, wenn einem gefühlt das Ich abhanden gekommen ist?

Vor lauter Können das Wollen aus den Augen verloren, ja, nicht einmal mehr danach gefragt und sich dann über den Scherbenhaufen gewundert.

Aufrichtigkeit ist wichtig. Wie geht das, aufrichtig zu leben?

Ansonsten Bruchstücke, die weit entfernt scheinen.

Kreisen. Hoffentlich um das Richtige.

17.4

Den eigenen Vorsätzen hinterherhinken und erkennen, dass Hinterherrennen auch keine Lösung ist. Überhaupt zusehen, wie sich eine gelassenere Perspektive entwickelt.

Dabei denke ich immer wieder an den Lehrer Simrock, der eines Tages sein Herz spürte.

Was will ich? Was will ich nicht mehr? Loslassen lernen und sehen, dass dies kein Scheitern ist. Erwartungen anderer enttäuschen.

Die Möglichkeit zum Keimen bieten. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

 

17.1

Mir ist kalt. In der ersten Nacht überlege ich, meine Sachen zu packen und zu verschwinden, aber es fährt morgens kein Bus. Also bleibe ich. Irgendwann am dritten Tag nehme ich die Kälte nicht mehr wirklich wahr; belustigt beobachte ich, wie der Frost durch das Türschloss kriecht und sich innen an der Türklinke festsetzt. Draussen hat es Minus 20 Grad. Eisblumen finde ich schön. Die Gänge zum Aussenklo werden Normalität. Danach wärme ich mich eben am Kachelofen auf. Oder auch nicht. Überhaupt wird der Kachelofen zu meinem besten Freund. Ich versuche, nicht zu viele Kohlen zu verbrauchen. Irgendwann werden 15 Grad Luxus, bei 9 ziehe ich mir eben eine Strickjacke über den Pullover an.

Meine Komfortzone erweitert sich stetig. Noch etwas spüre ich: Dankbarkeit. Ich bin dankbar dafür, hier zu sein – an diesem Ort, von dem ich flüchten wollte. Ich bin dankbar für die wohlige Kachelofenwärme. Dankbar bin ich auch für gute Gespräche, das einfache Essen und die Ruhe. Überhaupt hat die Ruhe eine besondere Wirkung auf mich. Mein Rhythmus verlangsamt sich, ruhiges Dasitzen erfüllt mich nicht mehr insgeheim mit schlechtem Gewissen.

Seit einer Woche habe ich nicht mehr in den Spiegel geschaut. Es gibt einen, wie ich irgendwann festgestellt habe, aber es ist nicht mehr wichtig, wie ich aussehe. Überhaupt ist nichts mehr wichtig. Nur wahrnehmen. Einatmen, ausatmen und schauen was kommt.