XV

«Mach doch mal ein Digamma», war einer dieser Insiderwitze, die wir in der Zeit unserer etymologischen Pausenbeschäftigung auch in anderen Zusammenhängen verwendeten. Was ein Digamma ist, weiss ich und ich mache auch immer wieder welche auf meinem Schreibblock. Die Bedeutung des Witzes habe ich mittlerweile jedoch vergessen.

Horcynus Orca I

Manchmal glaube ich, dass nicht ich mir die Bücher aussuche, sondern die Bücher den Weg zu mir finden. Erstmals begegnete ich dem Horcynus Orca, als ich in einem Blog eine wenig schmeichelhafte Rezension las. Zu schwer sei das Buch, man würde gar nicht verstehen, worum es gehe. Kurzum: die Rezensentin brach das Buch in der Mitte ab und ich machte mich auf die Suche.

Ich zweifelte daran, dass dieses Buch etwas für mich wäre, bis ich schlussendlich auf der Website der Übersetzerwerkstatt Erlangen auf den Vorabdruck des Nachworts des Übersetzers, Moshe Kahn, stiess. Vielleicht ist es gerade «mythisch-epische Meta-Dimension» (des Titels), um in der Sprache des Übersetzers zu bleiben, die mich nach dieser Zeit mit Knausgards brutaler Ehrlichkeit anzieht.

Es ist ein wenig so wie damals, da muss ich 15 oder 16 gewesen sein, als ich die Odyssee las. Es war Pflichtlektüre, aber dies tat dem Erlebnis keinen Abbruch. Wir analysierten die Distichen im Unterricht und in den Pausen betrieben wir an der Wandtafel gemeinsam Etymologie. All die indogermanischen etymologischen Wörterbücher lernte ich über die Odyssee kennen. Die Odyssee ist wahrscheinlich das Buch, das meine berufliche Ausrichtung und mein Leseleben am nachhaltigsten prägte. Auch wenn ich damals Vieles nicht verstand, mir das Hintergrundwissen weitgehend fehlte, übte und übt sie noch immer diese Anziehung auf mich aus. Gerne komme ich immer wieder auf sie zurück.

Dieses damalige kindlich-naive Leseerleben verspüre ich auch bei meinem Einstieg in den Horcynus Orca, dieses tastende Annähern an etwas, bei dem ich mir ganz sicher bin, dass es zur ganz grossen Literatur des Abendlandes gehört, auch wenn ich diese moderne Odyssee genausowenig verstehe wie damals bei der Schullektüre des Homer.

XIV

Es zieht mich zum Gewöhnlichen, Profanen. Knausgard hat Eindruck hinterlassen. Ich möchte mich nicht mehr so oft durch Bücher arbeiten, die mir durchwegs fremd vorkommen, die sich mir versperren und bei denen mir der Zugang fehlt.

XIII

Gerne würde ich mehr schreiben und fühle mich gleichzeitig durch die selbstauferlegte Begrenzung des Blogs blockiert.

Bei Gedichten ist es genau umgekehrt, da ist die Form ein Mittel zur Freiheit. Ich weiss, dass dieser Vergleich hinkt.

Überhaupt hangle ich mich von schlechten Vergleichen zu noch schlechteren. Mittlerweile habe auch ich angefangen zu hinken.

XII

Übermorgen fahre ich wieder in die Berge. Ich freue mich.

Überhaupt hänge ich weiterhin am Schiller fest, mittlerweile am Spätwerk. Goethe, Wieland und Herder sind inzwischen dazugestossen – das Weimarer Viergestirn. Ich weiss, dass eigentlich Goethe die treibende Kraft in Weimar war, aber der Schiller ist und bleibt mir näher. Goethe wirkt auf mich, mit wenigen Ausnahmen, ein wenig wie Mozart. Faszinierend und abstossend zugleich. Ich bin versucht, beide als “zu laut” zu bezeichnen.

Langsam taste ich mich wieder an private Lektüren heran. Den Knausgard bewahre ich mir für später auf.