IXX

ich knüpfe ketten
mit bunten glasmurmel-
worten dazwischen

ich will sie dir schenken

ich mische körner darunter
die du so magst

ich will dich locken

ich warte auf dich –
meine schwalbe

ich beobachte diebische
elstern, wie sie
die ketten zerreissen
die murmelworte
davon tragen

ich bin da, wenn der winter
vorbei scheint. du kommst
mit deinem schwarm

du pickst die körner und
siehst mich nicht an

stumm stehe ich da
und will dir die gründe
für damals erzählen
doch das zerrissene
verheddert sich stumm
franst aus und vergilbt

09/10

XVIII

Währenddessen der Horcynus Orca weiterhin zu Hause auf dem Tisch liegt und darauf wartet, dass ich auch so etwas wie Freizeit haben werde. Unterdessen korrigiere ich Prüfungen und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Als Bahnlektüre habe ich mir die Chronik des Balthasar Hauser von Alphonso Hophan auf den Reader geladen. Einst als Maturaarbeit geschrieben, mit einem Preis ausgezeichnet, fand das Buch auch einen Verleger. Ganz zu recht, wie ich finde. Wie weit davon meine Schüler entfernt sind.

XVII

Mein Leben verläuft getaktet. Bahnfahren, Arbeit, Bahnfahren, berufliche Lektüren und etwas Schwammiges, das ich für private Lektüren nutzen könnte. Der Horcynus Orca fasziniert mich weiterhin, aber er ist zu gross und schwer als Bahnlektüre. Auf den Reader mag ich ihn mir nicht laden, bei manchen Büchern brauche ich das Gegentändliche. Ich brauche einen erweiterten, neuen Lese- und Schreibmodus.

XV

«Mach doch mal ein Digamma», war einer dieser Insiderwitze, die wir in der Zeit unserer etymologischen Pausenbeschäftigung auch in anderen Zusammenhängen verwendeten. Was ein Digamma ist, weiss ich und ich mache auch immer wieder welche auf meinem Schreibblock. Die Bedeutung des Witzes habe ich mittlerweile jedoch vergessen.

Horcynus Orca I

Manchmal glaube ich, dass nicht ich mir die Bücher aussuche, sondern die Bücher den Weg zu mir finden. Erstmals begegnete ich dem Horcynus Orca, als ich in einem Blog eine wenig schmeichelhafte Rezension las. Zu schwer sei das Buch, man würde gar nicht verstehen, worum es gehe. Kurzum: die Rezensentin brach das Buch in der Mitte ab und ich machte mich auf die Suche.

Ich zweifelte daran, dass dieses Buch etwas für mich wäre, bis ich schlussendlich auf der Website der Übersetzerwerkstatt Erlangen auf den Vorabdruck des Nachworts des Übersetzers, Moshe Kahn, stiess. Vielleicht ist es gerade «mythisch-epische Meta-Dimension» (des Titels), um in der Sprache des Übersetzers zu bleiben, die mich nach dieser Zeit mit Knausgards brutaler Ehrlichkeit anzieht.

Es ist ein wenig so wie damals, da muss ich 15 oder 16 gewesen sein, als ich die Odyssee las. Es war Pflichtlektüre, aber dies tat dem Erlebnis keinen Abbruch. Wir analysierten die Distichen im Unterricht und in den Pausen betrieben wir an der Wandtafel gemeinsam Etymologie. All die indogermanischen etymologischen Wörterbücher lernte ich über die Odyssee kennen. Die Odyssee ist wahrscheinlich das Buch, das meine berufliche Ausrichtung und mein Leseleben am nachhaltigsten prägte. Auch wenn ich damals Vieles nicht verstand, mir das Hintergrundwissen weitgehend fehlte, übte und übt sie noch immer diese Anziehung auf mich aus. Gerne komme ich immer wieder auf sie zurück.

Dieses damalige kindlich-naive Leseerleben verspüre ich auch bei meinem Einstieg in den Horcynus Orca, dieses tastende Annähern an etwas, bei dem ich mir ganz sicher bin, dass es zur ganz grossen Literatur des Abendlandes gehört, auch wenn ich diese moderne Odyssee genausowenig verstehe wie damals bei der Schullektüre des Homer.