XIII

Gerne würde ich mehr schreiben und fühle mich gleichzeitig durch die selbstauferlegte Begrenzung des Blogs blockiert.

Bei Gedichten ist es genau umgekehrt, da ist die Form ein Mittel zur Freiheit. Ich weiss, dass dieser Vergleich hinkt.

Überhaupt hangle ich mich von schlechten Vergleichen zu noch schlechteren. Mittlerweile habe auch ich angefangen zu hinken.

XII

Übermorgen fahre ich wieder in die Berge. Ich freue mich.

Überhaupt hänge ich weiterhin am Schiller fest, mittlerweile am Spätwerk. Goethe, Wieland und Herder sind inzwischen dazugestossen – das Weimarer Viergestirn. Ich weiss, dass eigentlich Goethe die treibende Kraft in Weimar war, aber der Schiller ist und bleibt mir näher. Goethe wirkt auf mich, mit wenigen Ausnahmen, ein wenig wie Mozart. Faszinierend und abstossend zugleich. Ich bin versucht, beide als “zu laut” zu bezeichnen.

Langsam taste ich mich wieder an private Lektüren heran. Den Knausgard bewahre ich mir für später auf.

XI

Manchmal rücken die Berge so nahe zusammen, dass ich mich wundere, wie das kleine Tal noch Platz zwischen ihnen findet. Gerne würde ich hier bleiben.

Überhaupt, die Berge. Sie sind so hoch und stehen so andächtig da, als ob sie das Tälchen beschützten.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, als ich endlich Zeit hatte, den dritten Band von Knausgards Autobiographie anzufangen. Doch dann kam mir der Schiller dazwischen.

Erst dachte ich, die Kommentarfunktion würde nur meine eigenen Kommentare ins Nirvana befördern, wenn ich sie nicht über das Backend versende. Offensichtlich betrifft es auch Andere. Das tut mir leid, ich kümmere mich darum, sobald wieder etwas mehr Konstanz in meinen Alltag gelangt ist.

Sieben Geständnisse

onelovelyblog-300x172Stöckchen hinterlassen bei mir oft denselben Eindruck, wie es früher Kettenbriefe taten. Ich war heilfroh, dass diese Dinger bislang einen grossen Bogen um mich machten. Nun hat es mich dank Asal auch mal eiskalt erwischt. Zu meinem eigenen Erstaunen ist mir dieses Stöckchen gar nicht so unsympathisch, soll ich doch keine vorgefertigten Fragen beantworten, sondern sieben Geständnisse ablegen, die für euch hoffentlich unterhaltsam sind und für mich keine allzu unliebsamen Folgen haben werden. Da klopfe ich also dreimal auf das Stück Holz, das mir zugeworfen wurde und fange an. An den Kopf werfen möchte ich dieses Stöckchen jedoch niemandem explizit. Aufheben darf es, wer mag.

Papier und Gedächtnis Ja, wirklich, ich schreibe furchtbar gerne auf Papier. Mir ein paar Notizen unterwegs ins Mobiltelefon zu tippen, finde ich stillos und überhaupt: ich mag diese kleine Tastatur nicht. Aber: Papier und Stift habe ich auch so gut wie nie dabei. Manchmal finde ich in meiner Handtasche ein unbeschriebenes Blatt oder gar ein Notizbüchlein, aber garantiert keinen Stift. Oder ich habe einen Stift dabei und nichts, worauf ich schreiben könnte. Das führt meist dazu, dass ich mir einbilde, dass ich alles, was für mich wichtig sein könnte, im Kopf behalten könne. Der Erfolg hängt stark von der Tagesverfassung ab. Über Jahre hinweg führte ich nichtmal einen Terminkalender. Mittlerweile trage ich mir zumindest die ganz wichtigen Termine ein. Also so ein bis zwei Termine pro Monat.

Forschung Akademisch treibe ich mich irgendwo an den Rändern unserer Erkenntnismöglichkeiten herum. Meine Dissertation schreibe ich über etwas, bei dem nichtmal ich mir sicher bin, ob es überhaupt existiert.

Geduld und Sorgfalt Eigentlich müsste ich es lieben, in uralten Handschriften herumzuwühlen oder etliche Stunden oder gar Wochen damit verbringen, Scherben zusammenzusetzen und Inschriften zu entschlüsseln. Nach spätestens 45 Minuten fange ich jedoch an, mich wie eine pubertierende Schülerin im Chemiepraktikum zu benehmen. Ich habe keine Ahnung, was das mit mir zu tun haben soll, aber ich tue es trotzdem für die Note, bzw. in meinem Fall für das Fortkommen im Forschungsprojekt. Aber auch nur, sofern ich auf keine Editionen zurückgreifen kann.

Zeitung Ich liebe die Lektüre von Zeitungen. Aber nur online. Ein E-Paper macht mich glücklich. Soll ich hingegen eine Zeitung in haptischem Papierformat lesen, bin ich heillos überfordert. Als Kleinkind stopfte ich mir Zeitungen regelmässig in den Mund und ass sie – hinter dem Sofa versteckt, damit mich die Eltern nicht fanden. Natürlich wurde ich regelmässig entdeckt und natürlich gab es jedes Mal ein Drama. Davon scheine ich noch immer traumatisiert zu sein.

Glück Es macht mich glücklich, Mathematikaufgaben zu lösen oder Texte aus toten Sprachen ins Deutsche zu übertragen. Auch glücklich bin ich, wenn ich die Grundlagen für meine Forschung vor mir ausgebreitet sehe und nur noch dort Struktur finden muss, wo sie sonst niemand sehen kann. Am allerglücklichsten bin ich, wenn ich es schaffe, meine Schülerinnen und Schüler für Literatur zu begeistern.

Freundschaft Wahrscheinlich bin ich die schlechteste Freundin der Welt. Ich melde mich nicht nur nicht über Wochen, manchmal schaffe ich es nichtmal zu antworten, obwohl ich eigentlich gerne wollte. Ich liebe meine Freunde und staune immer wieder, dass sie es unermüdlich immer wieder mit mir versuchen. Auch wenn ich manchmal für Monate untertauche und nicht ansprechbar bin. Was diesen Aspekt betrifft, habe ich somit die weltbesten Freunde. Auch das macht mich glücklich und sehr dankbar.

Lektüren und Produktivität Ich bin eine Binge-Leserin. Über Wochen und Monate tue ich fast nichts Anderes, als so viele Bücher zu lesen, wie ich kann. Danach kommen Wochen oder Monate, in denen ich mich kaum überwinden kann, überhaupt ein Buch anzufassen, geschweige denn zu lesen. Ganz ähnlich ist meine Arbeitsweise. Über Wochen oder Monate arbeite ich bis zur Erschöpfung, bis ich die sichtbare Tätigkeit auf ein Minimum herunterfahre und die meiste Zeit damit verbringe, aus dem Fenster oder sonstwohin zu starren. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich anerkennen konnte, dass ich gerade in dieser stummen Zeit am produktivsten bin.

Le chemin de l’exile

Für Asal: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Die Pubertät überlebte ich mit angezogener Handbremse. Eigentlich wusste ich nichtmal so genau, wo das Gaspedal lag. Die Kupplung kannte ich allenfalls vom Hörensagen. Menschenansammlungen machten und machen mich nervös, von lauter Musik bekomme ich höchstens Kopfschmerzen. Die Pubertät verbrachte ich, ebenso wie die Jahre davor und danach, mit Lesen. Trotzdem spielten mir Freunde damals immer wieder Lieder vor, die sie mochten. Meist waren sie mir zu laut, zu wummernd, zu irgendwas. Der Umstand, dass ich damals Englisch zugunsten einer toten Sprache abwählte, tat das Übrige. Dass es auch andere, gute zeitgenössische Musik gibt, erkannte ich erst während des Studiums, als es bereits Youtube gab.

Nichtsdestotrotz gab es auch in dieser stummen Zeit Musik, die mich begleitete. So zum Beispiel Yeleen. Ich weiss gar nicht so genau, wie ich diese Band kennenlernte, auf jeden Fall besitze ich eine CD mit Widmung. Es war der Sommer, als B hier war und wir diese CD rauf und runter hörten. Ich mochte die französischen Texte, hielt mich für politisch und wollte die Welt verändern. Aber eigentlich verstand ich nichts. Überhaupt nichts. Was B, die kaum etwas hörte und meist von den Lippen ablas, diese Musik bedeutete, weiss ich nicht. Manchmal schickt sie mir noch heute einen Youtube-Link von Yeleen, um mich an die Zeit zu erinnern. Wir haben noch immer einen ähnlichen Musikgeschmack.

Ich verbinde keine Band so sehr wie Yeleen mit meiner Pubertät. Ich höre sie nur noch selten, meist nerven sie mich nach ein oder zwei Liedern. Noch immer zeigen sie mir, wie es ist, im Exil zu leben – obwohl, oder gerade weil ich diese Erfahrung nur in zweiter Generation kenne und noch immer erinnern sie mich an die Zerissenheit zwischen zwei Welten, obwohl die ihre so weit von der meinen entfernt ist.