Sieben Geständnisse

onelovelyblog-300x172Stöckchen hinterlassen bei mir oft denselben Eindruck, wie es früher Kettenbriefe taten. Ich war heilfroh, dass diese Dinger bislang einen grossen Bogen um mich machten. Nun hat es mich dank Asal auch mal eiskalt erwischt. Zu meinem eigenen Erstaunen ist mir dieses Stöckchen gar nicht so unsympathisch, soll ich doch keine vorgefertigten Fragen beantworten, sondern sieben Geständnisse ablegen, die für euch hoffentlich unterhaltsam sind und für mich keine allzu unliebsamen Folgen haben werden. Da klopfe ich also dreimal auf das Stück Holz, das mir zugeworfen wurde und fange an. An den Kopf werfen möchte ich dieses Stöckchen jedoch niemandem explizit. Aufheben darf es, wer mag.

Papier und Gedächtnis Ja, wirklich, ich schreibe furchtbar gerne auf Papier. Mir ein paar Notizen unterwegs ins Mobiltelefon zu tippen, finde ich stillos und überhaupt: ich mag diese kleine Tastatur nicht. Aber: Papier und Stift habe ich auch so gut wie nie dabei. Manchmal finde ich in meiner Handtasche ein unbeschriebenes Blatt oder gar ein Notizbüchlein, aber garantiert keinen Stift. Oder ich habe einen Stift dabei und nichts, worauf ich schreiben könnte. Das führt meist dazu, dass ich mir einbilde, dass ich alles, was für mich wichtig sein könnte, im Kopf behalten könne. Der Erfolg hängt stark von der Tagesverfassung ab. Über Jahre hinweg führte ich nichtmal einen Terminkalender. Mittlerweile trage ich mir zumindest die ganz wichtigen Termine ein. Also so ein bis zwei Termine pro Monat.

Forschung Akademisch treibe ich mich irgendwo an den Rändern unserer Erkenntnismöglichkeiten herum. Meine Dissertation schreibe ich über etwas, bei dem nichtmal ich mir sicher bin, ob es überhaupt existiert.

Geduld und Sorgfalt Eigentlich müsste ich es lieben, in uralten Handschriften herumzuwühlen oder etliche Stunden oder gar Wochen damit verbringen, Scherben zusammenzusetzen und Inschriften zu entschlüsseln. Nach spätestens 45 Minuten fange ich jedoch an, mich wie eine pubertierende Schülerin im Chemiepraktikum zu benehmen. Ich habe keine Ahnung, was das mit mir zu tun haben soll, aber ich tue es trotzdem für die Note, bzw. in meinem Fall für das Fortkommen im Forschungsprojekt. Aber auch nur, sofern ich auf keine Editionen zurückgreifen kann.

Zeitung Ich liebe die Lektüre von Zeitungen. Aber nur online. Ein E-Paper macht mich glücklich. Soll ich hingegen eine Zeitung in haptischem Papierformat lesen, bin ich heillos überfordert. Als Kleinkind stopfte ich mir Zeitungen regelmässig in den Mund und ass sie – hinter dem Sofa versteckt, damit mich die Eltern nicht fanden. Natürlich wurde ich regelmässig entdeckt und natürlich gab es jedes Mal ein Drama. Davon scheine ich noch immer traumatisiert zu sein.

Glück Es macht mich glücklich, Mathematikaufgaben zu lösen oder Texte aus toten Sprachen ins Deutsche zu übertragen. Auch glücklich bin ich, wenn ich die Grundlagen für meine Forschung vor mir ausgebreitet sehe und nur noch dort Struktur finden muss, wo sie sonst niemand sehen kann. Am allerglücklichsten bin ich, wenn ich es schaffe, meine Schülerinnen und Schüler für Literatur zu begeistern.

Freundschaft Wahrscheinlich bin ich die schlechteste Freundin der Welt. Ich melde mich nicht nur nicht über Wochen, manchmal schaffe ich es nichtmal zu antworten, obwohl ich eigentlich gerne wollte. Ich liebe meine Freunde und staune immer wieder, dass sie es unermüdlich immer wieder mit mir versuchen. Auch wenn ich manchmal für Monate untertauche und nicht ansprechbar bin. Was diesen Aspekt betrifft, habe ich somit die weltbesten Freunde. Auch das macht mich glücklich und sehr dankbar.

Lektüren und Produktivität Ich bin eine Binge-Leserin. Über Wochen und Monate tue ich fast nichts Anderes, als so viele Bücher zu lesen, wie ich kann. Danach kommen Wochen oder Monate, in denen ich mich kaum überwinden kann, überhaupt ein Buch anzufassen, geschweige denn zu lesen. Ganz ähnlich ist meine Arbeitsweise. Über Wochen oder Monate arbeite ich bis zur Erschöpfung, bis ich die sichtbare Tätigkeit auf ein Minimum herunterfahre und die meiste Zeit damit verbringe, aus dem Fenster oder sonstwohin zu starren. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich anerkennen konnte, dass ich gerade in dieser stummen Zeit am produktivsten bin.

Le chemin de l’exile

Für Asal: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Die Pubertät überlebte ich mit angezogener Handbremse. Eigentlich wusste ich nichtmal so genau, wo das Gaspedal lag. Die Kupplung kannte ich allenfalls vom Hörensagen. Menschenansammlungen machten und machen mich nervös, von lauter Musik bekomme ich höchstens Kopfschmerzen. Die Pubertät verbrachte ich, ebenso wie die Jahre davor und danach, mit Lesen. Trotzdem spielten mir Freunde damals immer wieder Lieder vor, die sie mochten. Meist waren sie mir zu laut, zu wummernd, zu irgendwas. Der Umstand, dass ich damals Englisch zugunsten einer toten Sprache abwählte, tat das Übrige. Dass es auch andere, gute zeitgenössische Musik gibt, erkannte ich erst während des Studiums, als es bereits Youtube gab.

Nichtsdestotrotz gab es auch in dieser stummen Zeit Musik, die mich begleitete. So zum Beispiel Yeleen. Ich weiss gar nicht so genau, wie ich diese Band kennenlernte, auf jeden Fall besitze ich eine CD mit Widmung. Es war der Sommer, als B hier war und wir diese CD rauf und runter hörten. Ich mochte die französischen Texte, hielt mich für politisch und wollte die Welt verändern. Aber eigentlich verstand ich nichts. Überhaupt nichts. Was B, die kaum etwas hörte und meist von den Lippen ablas, diese Musik bedeutete, weiss ich nicht. Manchmal schickt sie mir noch heute einen Youtube-Link von Yeleen, um mich an die Zeit zu erinnern. Wir haben noch immer einen ähnlichen Musikgeschmack.

Ich verbinde keine Band so sehr wie Yeleen mit meiner Pubertät. Ich höre sie nur noch selten, meist nerven sie mich nach ein oder zwei Liedern. Noch immer zeigen sie mir, wie es ist, im Exil zu leben – obwohl, oder gerade weil ich diese Erfahrung nur in zweiter Generation kenne und noch immer erinnern sie mich an die Zerissenheit zwischen zwei Welten, obwohl die ihre so weit von der meinen entfernt ist.

X

Ob ich es eines Tages bereuen werde, dass ich meine Tagebücher und sonstigen Aufzeichnungen regelmässig vernichte, sobald ein Heft vollgeschrieben ist? Dass ich privat nur um des Schreibens willen schreibe und keinen tieferen Zweck damit verbinde? Nicht einmal die private Dokumentation meines Lebens?

Lieben II

Petrarca-Meister: Pyrrho auf stürmischer See (16. Jh.). Quelle: Wikimedia Commons
Petrarca-Meister: Pyrrhon auf stürmischer See (16. Jh.). Quelle: Wikimedia Commons (Anklicken für die Grossansicht)

Ob Pyrrhonismus, also das Misstrauen gegenüber Worten und in seiner Extremform gegenüber der Wahrnehmung, eine Richtung sei, in die sich ein Schriftsteller bewegen solle, fragt Knausgard in Lieben. Dadurch würde ein Nullpunkt erreicht, von dem aus sich der Nullwert ausbreite. Dies sei kein toter Punkt, denn Literatur müsse mehr sein, als Form. Literatur ist das, was sie bei den Lesern auslöse.

Wenn die Bücher, die zu mir kommen, wie die Mützenfalterin in ihrem Lesetagebuch zu Alles hat seine Zeit schreibt, als eine Art Hinweisschild zu verstehen sind, dann beginne ich langsam zu verstehen, was ich von Knausgard lernen soll. Solidität, wie M es nennen würde; der Weg des Nicht-Dazugehören-Wollens, um in den Worten der Mützenfalterin zu bleiben.

Lieben I

Ich kannte mal einen, der sich liebevoll um seine Kinder kümmerte, Hausmann war und nebenher mit x-ten Semester studierte, währenddessen seine Frau Karriere machte. Seine Kinder waren sein Leben. Eine andere Lebensform könne er sich nicht vorstellen, sagte er.

Welch grossen Kontrast bietet Knausgard dazu, der die zeitgenössische Rollenteilung zu leben versucht und doch immer seine Männlichkeit dabei gefährdet sieht.

IX

Das Blog, das mich in den letzten Tagen nur über das Mobiltelefon reinliess und wie die kleine Tastatur die Schreibunlust nur noch förderte. Überhaupt streikt die Technik.

Die Reaktionen der arabischen Medien auf die Anschläge in Paris sind hochgradig erfreulich.

Ich habe es tatsächlich ausgehalten, nachdem ich Sterben abgeschlossen habe, drei Tage zu warten, bevor ich mit Lieben begann. Gestern angefangen zu lesen: in einer Verfassung, als ob ich Entzugserscheinungen hätte.

Immer noch der Wunsch zu schweigen.

VIII

Während der Lektüre immer wieder die Frage, was mich eigentlich davon abhält, in dieser Offenheit zu schreiben. Woher eigentlich diese ständige Schere im Kopf kommt. Ich hielt es lange für Rücksichtnahme gegenüber den Anderen.

Heute dann die Erkenntnis, dass Scham eines der Stichworte ist. Scham darüber, dieses kleine bedeutungslose Leben offenzulegen und dann vielleicht auch noch jemanden kommen zu lassen, der den Finger in die Wunde legt. Als ob die Anderen ein grösseres Leben hätten. Trotzdem oder gerade deswegen der Wunsch nach Nähe, nach echten Gesprächen.