Was ist Religion? (I)

Religion ist einer der Begriffe, die mich immer wieder umtreiben. Seien es die Lilien auf dem Felde in der Bibel und bei Laxness (ein wunderbares Buch!) oder auch die Frage, was Menschen radikalisiert – in egal welche Richtung. Im Podcast  Gretchenfrage zum Thema Gottesbeweise (übrigens auch für Nichtchristen ein hörenswerter Podcast) nahm ich den Gedanken mit, dass der persönliche Glaube oder auch Unglaube immer eine bewusste Entscheidung beinhaltet. Nämlich zu glauben oder auch nicht zu glauben. Gottesbeweise beweisen nicht die Existenz eines göttlichen Wesens, sondern sie zeigen vielmehr, dass es durchaus rational nachvollziehbar ist, an einen Gott zu glauben – soweit zumindest die Lesart der Moderne. Nun, da mich dieser Gedanke seit einigen Tagen begleitet, erinnerte ich mich an ein vor einiger Zeit gekauftes Reclam-Bändchen zum Thema: Was ist Religion?

Angefangen beim heidnisch-antiken Religionsbegriff von Cicero arbeitet sich der Herausgeber in halbwegs chronologischer Reihenfolge mithilfe von Erläuterungen und Dokumenten durch die Jahrhunderte.

Cicero definiert Religion (religio) oder auch Frömmigkeit (pietas) zunächst als richtiges Verhalten den Göttern gegenüber. Im Zentrum steht die korrekte Ausführung der Pflichten. Die Götter im Gegenzug lenken die Geschicke der Menschen. Verhält sich ein Mensch gut gegenüber den Göttern, dann profitiert er von ihrer Gunst. Verhält er sich unangemessen – zum Beispiel auch durch eine zu intensive Hinwendung zu den Göttern durch unangemessen häufige Opfergaben – wenden sich die Götter von ihm ab. Ein Kuhhandel – mehr nicht. Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt; Odysseus, der von der Gunst der Götter verlassen, umherirrt. Und Penelope, immer wieder Penelope, die treu die getane Arbeit des Tages auflöst. Penelope: ein Leben im Stillstand, während ihr Mann ein Spielball der Götter ist.

Wie viel einfacher und ehrlicher wirkt da der frühchristliche Religionsbegriff – im Buch durch Laktanz und Augustinus vertreten. Religion ist, so Laktanz, Anbindung und Verbindung durch ein «Band von Frömmigkeit» (pietas) an den richtigen Gott. So banal das zunächst für uns klingt, ergeben sich im Vergleich zum heidnisch-antiken Religionsbegriff Ciceros zwei Neuerungen. Einerseits wird Religion von einer Tätigkeit zu einem Zustand der Beziehung, andererseits kann es ein zu viel an Religion gar nicht geben. Und selbstverständlich schwingt hier auch die Kritik an der weltlichen Ständeordnung mit.

Während Augustinus sich dahingehend Laktanz noch weitgehend anschliesst, passiert bei Thomas von Aquin etwas Interessantes. Er macht nämlich zwei Schritte rückwärts und knüpft direkt bei Cicero an. Religion wird wieder zur korrekten Ausübung des Glaubens. Dies geschieht vor allem innerhalb der Klostermauern, abgeschieden von den weltlichen Versuchungen. Religion (religio) wird somit wieder zu etwas Äusserem, wohingegen der Glaube (fide) den Bereich des Inneren betrifft.

Dieser Rückschritt zu Cicero lässt sich einerseits dadurch erklären, dass Thomas in einer Zeit wirkte, in der das Christentum bereits unangetastete Staatsreligion war und auch einen etablierten, rituellen Handlungskanon kannte. Dies macht den Schritt zum Ablasshandel (interessanterweise überspringt das Buch geflissentlich die Reformation und Gegenreformation und macht nach Thomas erst mit dem Aufklärer Rousseau weiter) zu einer scheinbar unvermeidlichen Konsequenz.

Ebenfalls interessant ist die sich aufdrängende Schlussfolgerung, dass Religion durch ein institutionalisiertes Selbstverständnis anscheinend eine Verschiebung hin zum Äusseren, zum Ritus erfährt. Sei es durch die Aufspaltung in religio und fide bei Thomas oder auch durch den Kuhhandel mit der antik-heidnischen Götterfamilie bei Cicero. Gott oder auch die Götter werden dadurch zu Spielbällen der Würdenträger hier unten, so wie Odysseus gleichzeitig Spielball und Überlister der Götter war.

Textnachweis: Was ist Religion? Texte von Cicero bis Luhmann. Hg. von Jens Schlieter. Reclam. 2010.

Zsuzsa Bank: Die hellen Tage (I)

Es gibt Bücher, bei denen ich mir schon nach den ersten Seiten wünsche, sie mögen niemals aufhören. So ist es auch bei den hellen Tage von Zsuzsa Bank.

Was ist es, das uns unsere Lebenswege wählen lässt? Wie werden wir zu dem, was wir sind? Wann kommen die hellen Tage ins Leben? Und warum hören sie auf?

Ich reise mit Aja, Terese und Karl durch ihre Kindheit, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Dennoch wählen die drei einander aus. Sie wachsen zusammen, sie entfernen sich und können doch nicht ohne einander.

Was ist es, das uns Menschen in unsere Leben einladen lässt? Und uns Menschen wieder auseinander bringt?

Als ich – wie jung ich damals war! – den Parzival las, wunderte ich mich über die verpasste Mitleidsfrage. Oheim, was wirret dir? Ein Satz, in dem die Erlösung liegt. So schwer könne das doch nicht gewesen sein, dachte ich. So jung war ich damals.

Was ist es, das uns das Richtige zum richtigen Zeitpunkt sagen lässt? Wie oft habe ich diesen Zeitpunkt verpasst? Und du? Wie oft hast du die Mitleidsfrage gestellt? Wie oft hast du dich nicht getraut?

Wie Parzival mache ich Runde um Runde – doch ich lerne nichts dazu. So reise ich weiter mit Aja, Terese und Karl durch ihre Jugend und frage mich, ob die hellen Tage jemals wiederkommen.

I

Lesend habe ich mir die Welt erschlossen, lesend habe ich gelebt und lesend habe ich mich verloren, bis ich zu lesen aufhörte. Ich erkunde die Welt der Nichtlesenden und lande doch wieder bei der Literatur. Poetry Slam, Rap, Grenzwertiges.

Eigene Worte zu finden, wenn man nicht mehr an die Sprache glaubt – Cut. Ich wiederhole mich.

Ich spreche über Literatur, bin begeistert, stecke an und schaue mir dabei zu, als wäre ich eine andere. Am liebsten wäre ich Romanfigur geworden, stattdessen wurde ich Lehrer. Ein tiefer Fall.

Ich bin so meta und lande doch immer nur bei mir. Langeweile, Selbstgespräche, Stille, Aktionismus.

Immer war ich zu wenig. Zu wenig laut, zu wenig leise, zu wenig offen, verschlossen, zu unpassend. Manchmal auch zu viel. Zu belesen, zu laut, zu leise, zu offen, zu angepasst, zu radikal, zu strange.

Ich bin – mir fällt keine Fortsetzung des Satzes ein.

Das Leben als Leerstelle

«Das Paradies ist schlecht zu ertragen, solange man noch nicht gestorben ist, […]»

Leta Semadeni, Tamangur


Wenn die Grossmutter vom Grossvater spricht, wandern ihre Augen immer wieder zur Zimmerdecke, von dort scheinen sie sich ihren Weg nach Tamangur zu suchen.Tamangur, ein Ort an dem es keine Gemsen, keine Sonntage, kein Weihnachten und keine Sonntagsbraten gibt, wie die Grossmutter erklärt. Es sei als ob. Der Erstlingsroman von Leta Semadeni zeichnet sich vor allem durch Leerstellen aus, durch das Ungesagte. Tamangur wird zu einer verwunschen klingenden Chiffre für das Reich der Toten.

Die Lyrikern bleibt ihrer Gattung treu, so ist auch Tamangur kein Roman im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr eine Sammlung von 73 Prosaminiaturen, die sich erst durch die Rezeption zu einem Roman zusammenfügen. Das Ungesagte trägt die Leserin durch das Werk. Es führt dazu, dass scheinbar Unzusammenhängendes sich ineinander verkettet und weiterträgt.

Leerstellen sind es, die die Leben der Grossmutter und des Kindes ausmachen. Es fehlt der Grossvater, es fehlen die Eltern und es fehlt der Bruder, der im Fluss ertrunken ist. Vielleicht ist das Kind schuld. Die Grossmutter und das Kind arrangieren sich, spenden sich Wärme und Trost und doch können sie die gegenseitigen Leerstellen nicht auffüllen.

Und dann gibt es all die anderen skurrilen Gestalten, die den Roman bevölkern. Elsa mit ihrem Elvis im Schlepptau und Kasimir, den Freund des Grossvaters, die Schneiderin, die Erinnerungen klaut und die Nachbarin.

«Meine Seele fotografiert viele Sachen, […] aber ich weiß nicht immer, wohin die Bilder gehören. Sie tauchen plötzlich auf und verlangen, dass ich ihnen Aufmerksamkeit gebe.»

Die Erwachsenen verstricken sich in ihren Erinnerungen und Begierden, während sich das Kind wundert. Die lyrisch-kindliche Erzählperspektive schafft ein zutiefst menschliches Panoptikum, das die Dorfwelt des Romans in die städtische Stube holt. Es ist ein Werk, das Gattungsgrenzen sprengt. Es ist kein Roman, kein Gedicht und auch kein Miniaturzyklus. Es ist ein Dazwischen. Ebenso wie auch die Menschen im Werk irgendwo zwischen Realität, Traum, Vorstellung und Fiktion changieren.

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