Wenn Schüler Literaturpreise vergeben

Lyrik hat einen schweren Stand. Wenn ich Schülern ein Gedicht verteile, verdrehen sie erstmal die Augen und lassen sich dann doch darauf ein – wenn ich Glück habe. Manche Deutschlehrer verzichten mittlerweile ganz darauf. An Literaturfesten wird kaum Lyrik gelesen und wenn, dann nur in Randveranstaltungen. Umso mehr freut es mich, dass der Weilheimer Literaturpreis, also der einzige Literaturpreis im deutschsprachigen Raum, der von Schülern verliehen wird, dieses Jahr an Nora Gomringer für ihr lyrisches Gesamtwerk vergeben wird. Das macht Hoffnung.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Vielleicht Esther ist kein einfaches Buch; es ist die Geschichte einer Autorin, die auszog, um die Vielleicht EstherSpuren Ihrer Familie zusammenzutragen und dadurch die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert aufarbeitet. Gerade das Fragmentarische macht das Buch anfangs schwer lesbar, doch mit der Zeit füllen sich die Löcher und es entsteht ein Kaleidoskop des 20. Jahrhunderts.

Es ist eine Familienrecherche, wie es sie mittlerweile unzählige gibt und doch ist sie anders. Sie besitzt auch ausserfamliär Relevanz, eine Eigenschaft, die vielen derartigen Recherchen abgeht. Ausgehend vom Berliner Bahnhof und Versponnenem zu Bombardier einem bedeutungsschwangeren Wort, das über dem Bahnhof thront und doch nur eine Firma meint reist die Autorin nach Warschau, Babij Jar bis nach Mauthausen. Sie verwebt Gegenwart und Vergangenheit, reflektiert die Recherche. Die Grenzen zwischen Autobiographie, Roman und Fiktion verschwimmen fortlaufend.

«Woher kenne ich diese Geschichte in ihren Einzelheiten? Wo habe ich ihr gelauscht? Wer flüstert uns Geschichten ein, für die es keine Zeugen gibt, und wozu?»

Es ist eine Sisyphus-Arbeit, der sich die Autorin angenommen hat. Die Recherche nach einer Familie, die zerstreut ist und oftmals nur noch in Namenslisten existiert.

«Je mehr Gleichnamige es gab, desto geringer war die Chance, meine Verrwandten unter ihnen zu finden, und je geringer diese Chance war, desto klarer wurde mir, dass ich alle Aufgelisteten zu den Meinigen zu zählen hatte.»

Kernstück des Buches ist die Grossmutter des Vaters, die vielleicht Esther hiess und 1941 zu schwach war, um zu fliehen. Vielleicht wollte sie auch gar nicht fliehen. Vielleicht wollte sie auch nach Babij Jar, wo sich alle Juden zu versammeln hatten, um erschossen zu werden (aber das wussten sie damals noch nicht). Doch auch dafür war sie zu schwach. Deshalb wurde sie von einem Soldaten erschossen, den sie fragen wollte – vielleicht.

Vielleicht Esther ist ein Buch, dass ich sämtlichen Einordnungen entzieht. Es ist keine Autobiographie, es ist kein Roman, es ist die Verschmelzung von Fiktion und Wahrheit. Es ist auch die Geschichte einer, die sich durch die Archive durcharbeitet und bei der Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts eingetrene Pfade der Literatur verlässt. Geschichten nannte der Verlag das Buch im Untertitel. Das sind sie auch: ein Konglomerat aus Geschichten, die die Schrecken des 20. Jahrhundert aufarbeiten und dennoch herzerwärmend sind.

Autobiographien

Dieses Gefühl, das sich beim Lesen von Autobiographien einstellt: so als ob ich jemandem ins Auge griffe. Oder jemanden heimlich beobachtete. Viel zu nah und auch irgendwie unangebracht. Gestern stellte ich fest, dass Anton Reiser auch für autobiographisch gehalten wird. Wusste ich bei der damaligen Lektüre nicht und hatte auch keine Mühe. Und so denke ich darüber nach, ob ich Vielleicht Esther auch einfach nur potentiell fiktional werten soll. Geht dabei etwas verloren?

Väterchen Lenin

Achmatowa. Olga. Immer wieder komme ich auf Olga zurück. Olga, welche den sowjetischen Film zum Fachgebiet erwählt hatte. Ich schaute bei ihr sowjetische Kinderfilme und wir sprachen über politischen Widerstand. Später lasen wir Literatur: Achmatowa, Nabokov und all die Anderen. Sie tadelte nie. Sie lobte, auch dort, wo es nichts zu loben gab. Der Euphemismus. Olgas bester Freund.

Auch hier im Buch kommt wieder Achmatowa. Die Generation der Vegetarier. Und jüdische Familiengeschichte. Eine Geschichte, die aus Listen, vagen Familienangehörigen und unsicheren Zuschreibungen besteht. Der Krieg. Väterchen Lenin, der dem Ich auch nach hundert Jahren einen Zugang zur Geschichte bietet. In einer Familie, die sich um taubstumme Kinder kümmert wird die Tante selbst zur Taubstummen. Das Ich verpasste es Fragen zu stellen.

Geschichte ist, wenn es keine Menschen gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen. (S. 23)

Zweifellos, es handelt sich um eine Familiensaga, eine Autobiographie, wenn man so will. Aber auch um erzählte Geschichte.

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