17.1

Mir ist kalt. In der ersten Nacht überlege ich, meine Sachen zu packen und zu verschwinden, aber es fährt morgens kein Bus. Also bleibe ich. Irgendwann am dritten Tag nehme ich die Kälte nicht mehr wirklich wahr; belustigt beobachte ich, wie der Frost durch das Türschloss kriecht und sich innen an der Türklinke festsetzt. Draussen hat es Minus 20 Grad. Eisblumen finde ich schön. Die Gänge zum Aussenklo werden Normalität. Danach wärme ich mich eben am Kachelofen auf. Oder auch nicht. Überhaupt wird der Kachelofen zu meinem besten Freund. Ich versuche, nicht zu viele Kohlen zu verbrauchen. Irgendwann werden 15 Grad Luxus, bei 9 ziehe ich mir eben eine Strickjacke über den Pullover an.

Meine Komfortzone erweitert sich stetig. Noch etwas spüre ich: Dankbarkeit. Ich bin dankbar dafür, hier zu sein – an diesem Ort, von dem ich flüchten wollte. Ich bin dankbar für die wohlige Kachelofenwärme. Dankbar bin ich auch für gute Gespräche, das einfache Essen und die Ruhe. Überhaupt hat die Ruhe eine besondere Wirkung auf mich. Mein Rhythmus verlangsamt sich, ruhiges Dasitzen erfüllt mich nicht mehr insgeheim mit schlechtem Gewissen.

Seit einer Woche habe ich nicht mehr in den Spiegel geschaut. Es gibt einen, wie ich irgendwann festgestellt habe, aber es ist nicht mehr wichtig, wie ich aussehe. Überhaupt ist nichts mehr wichtig. Nur wahrnehmen. Einatmen, ausatmen und schauen was kommt.

XXIV

Schreiben könne helfen, haben Forscher herausgefunden. Was passiert dann mit jemandem, der das Schreiben aufgegeben hat? Vor lauter Fragen nichs mehr zu schreiben hatte? Vielleicht braucht es keine Fragen, keine roten Fäden, vielleicht nicht einmal mehr Struktur. Vielleicht weisen einem die Worte den Weg, wenn man sie nur lässt.

XXIII

Nun also Arthur Schnitzler. Zuletzt hatte ich Schnitzler in jenem Semester gelesen, an dem ich teils bis 22 Uhr an der Uni in Seminaren sass und vor lauter glücklicher Übermüdung nicht schlafen konnte.

Wie ich damals von Fräulein Else genervt war, nicht verstand, warum sie so passiv wirkt. Und erst der Leutnant Gustl…

Es war auch das Seminar mit M, deren mit meiner verwandten Muttersprache ich immer als Babysprache empfand und sie die meinige genauso. Wir schworen uns ewige Freundschaft, irgendwann wurde ihr Studentenvisum nicht mehr verlängert und sie verschwand ohne Abschluss irgendwo in Osteuropa, heiratete und wir verloren uns aus den Augen.

Später dann Schnitzler in einer Vorlesung, bei der ich mich an die ausladende Mimik und Gestik des Dozenten erinnern kann, nicht jedoch an einen einzigen, zusammenhängenden Inhalt. Stichworte sind mir geblieben; ich kann mich an ihre Bedeutung nicht mehr erinnern. Er konnte einen mitreissen, nur eben nicht inhaltlich. Ich ging gerne hin. Dozentenkino.

Jetzt also bin ich es, die Schnitzler vermitteln soll.

El abrazo de la Serpiente

Wie nehmen wir Weissen die indigenen Völker am Amazonas wahr? Wie viele haben wir bereits vernichtet? Wie erfassen die Indigenen uns? Was passiert, wenn ein Schamane mit 30 Jahren Abstand zwei Forscher, Theodor Koch-Grünberg und Richard Evan Schultes, durch den Amazonas führt, auf der Suche nach einer Wunderpflanze? Sind die Beiden derselbe?

Er hätte nie gelernt zu träumen, sagt Schultes irgendwann im Film, der teilweise auf den wortwörtlichen Tagebuchaufzeichnungen der beiden Forscher basiert. Musik über ein Grammaphon hörend, soll er daraufhin die Richtung zur magischen Pflanze weisen. Für die Völker am Amazonas, deren Lied nie gehört worden sei, sei der Film, steht sinngemäss im Abspann. Die einzige Musik, die im Film gehört wird, ist diejenige der Weissen.

Immer wieder bezeichnet der Schamane sich und auch Schultes als – ich habe den indigenen Begriff vergessen – tote Hülle. Auf wie viele Zuschauer – mich, uns – trifft diese Bezeichnung ebenfalls zu? Der Traum als Lösung. Überhaupt verschmelzen Traum und das Erleben im Wachzustand zunehmend.

Im Frühling sterben II

Er neigte den Kopf, sog den Duft nach Majoran und Lorbeer ein, und seine Augen wurden feucht: «Bislang dachte ich immer, an der Front ist Sterben das Ärgste», sagte er und sah den Freund an. «Aber das stimmt nicht, Ata, das ist überhaupt nicht wahr. Wenn man Glück hat, ist Sterben ein Fingerschnippen. Dass du kaum Schlaf kriegst und nie weißt, ob Nachschub durchkommt, ist viel furchtbarer. Den Gedanken, hungrig massakriert zu werden, kannst du kaum ertragen. Satt essen will man sich noch ein Mal, bevor man für nichts und wieder nichts draufgeht.» Leise stöhnend biss er in das zarte Fleisch.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. S. 102f.