Mädchensache

Für Mädchen seien die rosaroten Überraschungseier, belehrt sie mich. Die hätten mädchengerechteres Spielzeug. Was das denn sei, will ich wissen. Kettchen und so meint sie. Aha.

Ich fühle mich bei ihr in die 50er Jahre zurückversetzt und denke darüber nach, ob sich das Mädchen daran stört. Anno 1974 wusste auch Lego noch, worauf es ankommt. Wohin steuern wir?

Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten

Als der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I für sein Altpreussisches Infanterieregiment No. 6, das SALIS_Meyer_RechnungübermeineDukaten_COVERaus langen Kerls besteht, den Riesen Gerlach fängt, beginnt für Gerlach eine Zeit der Zucht und Ordnung. Soldat soll er werden, wie all die anderen langen Kerls, die sich der König gekauft, geraubt, eingetauscht und entführt hat. Bis eines Tages der in Ungnade gefallene Leibarzt des Königs auf die Idee kommt, der König könne sich seine Riesen auch züchten. Betje, die schöne Bäckerstochter, die ebenfalls eine Riesin ist, wird Gerlach gewissermassen ins Bett gelegt und die beiden sollen ein Riesenkind zeugen. Doch der König, der ein kindischer Sadist ist, hat da einige Dinge nicht bedacht.

«Er regierte, wie er stets gelebt hatte: ausgesprochen sparsam. Allerdings nicht aufgrund von Vernunft oder gar zugunsten des Volkes, sondern einzig dem Militär zuliebe, dem er sämtliche freiwerdenden Mittel zukommen liess.»

So weit die Handlung. Unterhaltsam ist die Geschichte zweifellos und auch aus historischer Sicht interessant, wird doch eher als langweilig verschriene Geschichte anschaulich aufbereitet. Auch an den Figuren kann ich kaum etwas aussetzen. Anschaulich sind sie und sogar der König wirkt in seinem Wahn irgendwie sympathisch.

«Nicht immer aber behielt er, was man ihm überbrachte. Hatte ein Riese kein gutes Gesicht, wies der König in pikiert zurück. So einen wollte er nicht in seiner Leibcompagnie.»

Der Autor wertet nicht, ist nicht moralisch, doch das ist auch gar nicht nötig. Dass Menschenhandel verwerflich ist, wird heute kaum jemand bezweifeln. Die preussischen sprachlichen Einsprengsel tragen zum Authentizitätseindruck des Buches bei. Doch gerade durch diese Einsprengsel drängt sich der Vergleich zu Wolkenbruchs wunderliche Reise einer Schickse auf und da wirkt die Rechnung über meine Dukaten beinahe flach. Und dann gibt es wieder Stellen, die ich mir am liebsten an den Kühlschrank hängen würde. Der Anspruch des Buches ist zweifellos ein anderer und deshalb hinkt auch der Vergleich. Nichtsdestotrotz hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht. Als unterhaltsame Lektüre für zwischendurch ist das Buch aber dennoch zu empfehlen.

Wenn Schüler Literaturpreise vergeben

Lyrik hat einen schweren Stand. Wenn ich Schülern ein Gedicht verteile, verdrehen sie erstmal die Augen und lassen sich dann doch darauf ein – wenn ich Glück habe. Manche Deutschlehrer verzichten mittlerweile ganz darauf. An Literaturfesten wird kaum Lyrik gelesen und wenn, dann nur in Randveranstaltungen. Umso mehr freut es mich, dass der Weilheimer Literaturpreis, also der einzige Literaturpreis im deutschsprachigen Raum, der von Schülern verliehen wird, dieses Jahr an Nora Gomringer für ihr lyrisches Gesamtwerk vergeben wird. Das macht Hoffnung.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Vielleicht Esther ist kein einfaches Buch; es ist die Geschichte einer Autorin, die auszog, um die Vielleicht EstherSpuren Ihrer Familie zusammenzutragen und dadurch die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert aufarbeitet. Gerade das Fragmentarische macht das Buch anfangs schwer lesbar, doch mit der Zeit füllen sich die Löcher und es entsteht ein Kaleidoskop des 20. Jahrhunderts.

Es ist eine Familienrecherche, wie es sie mittlerweile unzählige gibt und doch ist sie anders. Sie besitzt auch ausserfamliär Relevanz, eine Eigenschaft, die vielen derartigen Recherchen abgeht. Ausgehend vom Berliner Bahnhof und Versponnenem zu Bombardier einem bedeutungsschwangeren Wort, das über dem Bahnhof thront und doch nur eine Firma meint reist die Autorin nach Warschau, Babij Jar bis nach Mauthausen. Sie verwebt Gegenwart und Vergangenheit, reflektiert die Recherche. Die Grenzen zwischen Autobiographie, Roman und Fiktion verschwimmen fortlaufend.

«Woher kenne ich diese Geschichte in ihren Einzelheiten? Wo habe ich ihr gelauscht? Wer flüstert uns Geschichten ein, für die es keine Zeugen gibt, und wozu?»

Es ist eine Sisyphus-Arbeit, der sich die Autorin angenommen hat. Die Recherche nach einer Familie, die zerstreut ist und oftmals nur noch in Namenslisten existiert.

«Je mehr Gleichnamige es gab, desto geringer war die Chance, meine Verrwandten unter ihnen zu finden, und je geringer diese Chance war, desto klarer wurde mir, dass ich alle Aufgelisteten zu den Meinigen zu zählen hatte.»

Kernstück des Buches ist die Grossmutter des Vaters, die vielleicht Esther hiess und 1941 zu schwach war, um zu fliehen. Vielleicht wollte sie auch gar nicht fliehen. Vielleicht wollte sie auch nach Babij Jar, wo sich alle Juden zu versammeln hatten, um erschossen zu werden (aber das wussten sie damals noch nicht). Doch auch dafür war sie zu schwach. Deshalb wurde sie von einem Soldaten erschossen, den sie fragen wollte – vielleicht.

Vielleicht Esther ist ein Buch, dass ich sämtlichen Einordnungen entzieht. Es ist keine Autobiographie, es ist kein Roman, es ist die Verschmelzung von Fiktion und Wahrheit. Es ist auch die Geschichte einer, die sich durch die Archive durcharbeitet und bei der Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts eingetrene Pfade der Literatur verlässt. Geschichten nannte der Verlag das Buch im Untertitel. Das sind sie auch: ein Konglomerat aus Geschichten, die die Schrecken des 20. Jahrhundert aufarbeiten und dennoch herzerwärmend sind.

Autobiographien

Dieses Gefühl, das sich beim Lesen von Autobiographien einstellt: so als ob ich jemandem ins Auge griffe. Oder jemanden heimlich beobachtete. Viel zu nah und auch irgendwie unangebracht. Gestern stellte ich fest, dass Anton Reiser auch für autobiographisch gehalten wird. Wusste ich bei der damaligen Lektüre nicht und hatte auch keine Mühe. Und so denke ich darüber nach, ob ich Vielleicht Esther auch einfach nur potentiell fiktional werten soll. Geht dabei etwas verloren?