Celan und Müller: Versuch einer parallelen Lektüre I

Nun also der Versuch einer parallelen Lektüre Paul Celans Nachlassprosa und Herta Müllers Atemschaukel, dieser beiden deutschsprachigen Rumänen, die in so unterschiedlichen Zeiten lebten und doch so ähnliche Themen bearbeiten. Auch sprachlich wirkt Müller ein wenig wie Celan in seinen frühen Gedichten mit ihren Sprachbildern und Fallstricken (gerade letzteres erinnert auch an Kafka).

Nichts ist schwärzer als der leuchtende Morgen der Erinnerung.

Paul Celan. 3.1.

Ich wusste zu gut, es gibt ein inneres Gesetz wonach man mit dem Weinen nie anfangen darf, wenn man zu viele Gründe hat. Ich redete mir ein, dass die Tränen von der Kälte kommen und glaubte mir.

Herta Müller. S. 78.

Mahnliteratur schreiben sie beide. Celan, der den Holocaust immer und immer wieder von allen Seiten betrachtet und an das Grauen mahnt und Müller, die die Diktatur nach dem Weltkrieg beschreibt. Ich lese, wie Leopold Auberg aus der Enge der Kleinstadt hinaus will und sei es ins Lager. Alles schien ihm besser, als dort zu bleiben, wo er war. Wie ihn schlussendlich der Satz seiner Grossmutter „ich weiss du kommst wieder“ am Leben hält.

Demut lehren sie beide. Schätzen, was man hat.

Quellnachweis:
Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 17.
Herta Müller: Atemschaukel. München. 2009. S. 78.

Repräsentationen des Todes

Gabriel von Max: Der Anatom. Quelle: Wikimedia Commons.
Gabriel von Max: Der Anatom (1869). Quelle: Wikimedia Commons.

Nachdem ich den letzten Beitrag veröffentlichte, fiel mir die verblüffende Ähnlichkeit des Bildes von Enrique Simonet zu demjenigen von Gabriel von Max auf. Der Anatom nimmt eine meditative Haltung ein, ebenso wie das Entblössen der Frau meditativ wirkt. Repräsentationen des Todes weiterlesen

Herzensangelegenheiten

Enrique Simonet – La autopsia (1890) Quelle: Wikimedia Commons
Enrique Simonet – La autopsia (1890) Quelle: Wikimedia Commons

Etwas ratlos sieht er aus, nachdem er ihr das Herz herausoperiert hat. So als ob er etwas anderes erwartet hätte. Ein Herz eben, das sich erobern liesse. Sie ist eine schöne Frau, wie sie da liegt, dürftig von diesem weissen Laken bedeckt. Die Operation scheint keine allzu blutige Sache gewesen zu sein, das Laken färbt sich nur in der Herzgegend rötlich.

Ein Herz also. Ein Muskel, der uns am Leben hält und mit dem wir so viel mehr verbinden. Wie auch Eins in Heiner Müllers Gedicht fragt: «Darf ich Ihnen mein Herz zu Füssen legen?» und zwei, trocken zunächst an seinen Fussboden denkt, der nicht schmutzig werden darf. Eins als Romantiker und zwei als Realist, der schlussendlich nach einer Operation mit Taschenmesser erkennen muss: «Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein.» «Aber es schlägt nur für Sie», antwortet Eins.

Vielleicht wird der Operateur das Herz noch ein wenig betrachten, über ihre Schönheit nachdenken und darüber, dass das Herz eigentlich nur ein Muskel ist. Nichts, das sich erobern liesse. Nach einer Weile wird er das Herz entsorgen, sie zur Beerdigung freigeben und nichts dazugelernt haben.

Zitatbeleg: Heiner Müller, Herzstück

Jenny Diski über Doris Lessing

Pablo Picasso – Artisen (1905)
Pablo Picasso – Artisten (1905)

“Before that, I always tried to protect her, I suppose. And it was complicated, of course, because of what she had done for me. She used to say if she had been in my circumstance at 14 she would have been pregnant or dead, which in her mind were just about the same thing. The point about parents of course,” Diski says, “is that they are always supposed to forgive you. You do awful things, and then somebody says sorry and it all blows over. But I suppose I wasn’t a real child and she wasn’t a real parent.” She smiles a bit wearily. “If I finish my book,” she says, “I think I plan to call it Gratitude.”

Quelle