Ein wenig Leben

What a reader can always tell is when you are holding back for fear of offending them. I wanted there to be something too much about the violence in the book, but I also wanted there to be an exaggeration of everything, an exaggeration of love, of empathy, of pity, of horror. I wanted everything turned up a little too high. I wanted it to feel a little bit vulgar in places. Or to be always walking that line between out and out sentimentality and the boundaries of good taste. I wanted the reader to really press up against that as much as possible and if I tipped into it in a couple of places, well, I couldn’t really stop it.”

Quelle

Ich bin ja immer etwas skeptisch, wenn Bücher zu sehr gehyped werden, aber in A Little Life von Hanya Yanagihara habe ich etwas erlitten, das ich zuletzt in der Kampfhexalogie von Knausgard erlebt habe.

17.5

Vielleicht ist es so, wie es Jude in Ein wenig Leben beschreibt: Es ist, als ob er in einer anderen Kultur aufgewachsen wäre. Zu sagen, etwas sei unbekannt, bedeutet immer auch, erklären zu müssen, was man stattdessen kennt.

Wo liegt meine Heimat? Gerne würde ich sagen, sie liege zwischen Buchdeckeln – doch das wäre gelogen.

Im Frühling sterben II

Er neigte den Kopf, sog den Duft nach Majoran und Lorbeer ein, und seine Augen wurden feucht: «Bislang dachte ich immer, an der Front ist Sterben das Ärgste», sagte er und sah den Freund an. «Aber das stimmt nicht, Ata, das ist überhaupt nicht wahr. Wenn man Glück hat, ist Sterben ein Fingerschnippen. Dass du kaum Schlaf kriegst und nie weißt, ob Nachschub durchkommt, ist viel furchtbarer. Den Gedanken, hungrig massakriert zu werden, kannst du kaum ertragen. Satt essen will man sich noch ein Mal, bevor man für nichts und wieder nichts draufgeht.» Leise stöhnend biss er in das zarte Fleisch.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. S. 102f.