17.5

Vielleicht ist es so, wie es Jude in Ein wenig Leben beschreibt: Es ist, als ob er in einer anderen Kultur aufgewachsen wäre. Zu sagen, etwas sei unbekannt, bedeutet immer auch, erklären zu müssen, was man stattdessen kennt.

Wo liegt meine Heimat? Gerne würde ich sagen, sie liege zwischen Buchdeckeln – doch das wäre gelogen.

XXV

Wie schreibt man, wenn einem gefühlt das Ich abhanden gekommen ist?

Vor lauter Können das Wollen aus den Augen verloren, ja, nicht einmal mehr danach gefragt und sich dann über den Scherbenhaufen gewundert.

Aufrichtigkeit ist wichtig. Wie geht das, aufrichtig zu leben?

Ansonsten Bruchstücke, die weit entfernt scheinen.

Kreisen. Hoffentlich um das Richtige.

17.4

Den eigenen Vorsätzen hinterherhinken und erkennen, dass Hinterherrennen auch keine Lösung ist. Überhaupt zusehen, wie sich eine gelassenere Perspektive entwickelt.

Dabei denke ich immer wieder an den Lehrer Simrock, der eines Tages sein Herz spürte.

Was will ich? Was will ich nicht mehr? Loslassen lernen und sehen, dass dies kein Scheitern ist. Erwartungen anderer enttäuschen.

Die Möglichkeit zum Keimen bieten. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

 

17.1

Mir ist kalt. In der ersten Nacht überlege ich, meine Sachen zu packen und zu verschwinden, aber es fährt morgens kein Bus. Also bleibe ich. Irgendwann am dritten Tag nehme ich die Kälte nicht mehr wirklich wahr; belustigt beobachte ich, wie der Frost durch das Türschloss kriecht und sich innen an der Türklinke festsetzt. Draussen hat es Minus 20 Grad. Eisblumen finde ich schön. Die Gänge zum Aussenklo werden Normalität. Danach wärme ich mich eben am Kachelofen auf. Oder auch nicht. Überhaupt wird der Kachelofen zu meinem besten Freund. Ich versuche, nicht zu viele Kohlen zu verbrauchen. Irgendwann werden 15 Grad Luxus, bei 9 ziehe ich mir eben eine Strickjacke über den Pullover an.

Meine Komfortzone erweitert sich stetig. Noch etwas spüre ich: Dankbarkeit. Ich bin dankbar dafür, hier zu sein – an diesem Ort, von dem ich flüchten wollte. Ich bin dankbar für die wohlige Kachelofenwärme. Dankbar bin ich auch für gute Gespräche, das einfache Essen und die Ruhe. Überhaupt hat die Ruhe eine besondere Wirkung auf mich. Mein Rhythmus verlangsamt sich, ruhiges Dasitzen erfüllt mich nicht mehr insgeheim mit schlechtem Gewissen.

Seit einer Woche habe ich nicht mehr in den Spiegel geschaut. Es gibt einen, wie ich irgendwann festgestellt habe, aber es ist nicht mehr wichtig, wie ich aussehe. Überhaupt ist nichts mehr wichtig. Nur wahrnehmen. Einatmen, ausatmen und schauen was kommt.

XXIV

Schreiben könne helfen, haben Forscher herausgefunden. Was passiert dann mit jemandem, der das Schreiben aufgegeben hat? Vor lauter Fragen nichs mehr zu schreiben hatte? Vielleicht braucht es keine Fragen, keine roten Fäden, vielleicht nicht einmal mehr Struktur. Vielleicht weisen einem die Worte den Weg, wenn man sie nur lässt.

XXIII

Nun also Arthur Schnitzler. Zuletzt hatte ich Schnitzler in jenem Semester gelesen, an dem ich teils bis 22 Uhr an der Uni in Seminaren sass und vor lauter glücklicher Übermüdung nicht schlafen konnte.

Wie ich damals von Fräulein Else genervt war, nicht verstand, warum sie so passiv wirkt. Und erst der Leutnant Gustl…

Es war auch das Seminar mit M, deren mit meiner verwandten Muttersprache ich immer als Babysprache empfand und sie die meinige genauso. Wir schworen uns ewige Freundschaft, irgendwann wurde ihr Studentenvisum nicht mehr verlängert und sie verschwand ohne Abschluss irgendwo in Osteuropa, heiratete und wir verloren uns aus den Augen.

Später dann Schnitzler in einer Vorlesung, bei der ich mich an die ausladende Mimik und Gestik des Dozenten erinnern kann, nicht jedoch an einen einzigen, zusammenhängenden Inhalt. Stichworte sind mir geblieben; ich kann mich an ihre Bedeutung nicht mehr erinnern. Er konnte einen mitreissen, nur eben nicht inhaltlich. Ich ging gerne hin. Dozentenkino.

Jetzt also bin ich es, die Schnitzler vermitteln soll.

XXI

Vermutlich bin ich die schlechteste Bloggerin der Welt. Währenddessen ich literarisch weiterhin Irrtümern aufsitze und auf meine Diplomprüfung lerne, gibt es hier ein bisschen gefrorene Schneeflocken. Gewissermassen als Winterersatz bei diesem frühlingshaften Winterhudelwetter.

Überhaupt ist die Website dieses polnischen Künstlers sehr lohnenswert.