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Herta Müller und Paul Celan haben mich sprachlos gemacht. Vieles wollte ich schreiben und kam mir schlussendlich doch immer wieder indiskret vor. Vor einiger Zeit schon wurde ich durch die Mützenfalterin auf Karl Ove Knausgard aufmerksam, von dem ich mir soeben Sterben geliehen habe.

Vor Jahren, als ich einmal in jugendlichem Alter in Osteuropa in einer Kirche war, beobachtete ich eine Bekannte beim Beten. Noch nie habe ich jemanden so inbrünstig beten gesehen. Sie war ein fröhliches Mädchen, stets heiter und stets hilfsbereit. Später dann, bei ihr zu Hause, in diesem Haus voller Häkeldeckchen, Marien- und Madonnenfigürchen, lernte ich ihren Vater kennen. Das Gespräch mit ihm glich einen Verhör. Später erfuhr ich, er sei beim Geheimdienst gewesen.

Ich weiss nicht, warum ich mich bei der Lektüre von Knausgard daran erinnere. Vielleicht, weil auch Knausgard in Sterben berichtet, gläubig gewesen zu sein. Vielleicht, weil auch dieser Vater allmächtig wirkte. Vielleicht, weil es einfacher ist als die eigene Vergangenheit.

Atemschaukel I

Eine Lektüre der Atemschaukel ist immer auch Beschäftigung mit Oskar Pastior, dem rumäniendeutschen Lyriker, mit dem Herta Müller bis zu seinem Tod an der Atemschaukel arbeitete.

Müller, die sich standhaft weigerte, die mit der Securitate zusammenarbeiten und Pastior, der mutmasslich zum Spion wurde. Entsetzt zeigte sich Müller und äusserte später Verständnis für seine Verstrickung angesichts seiner schwierigen Lage als Schwuler in Rumänien der damaligen Zeit.

Schönheit sei politisch, äusserte sie in einem im September erschienen Artikel in der Welt und erstmals verstand ich all die Osteuropäerinnen und wie sie Wert auf ihr Äusseres legen, als hinge ihr Leben davon ab. Was wissen wir schon in unseren warmen, gemütlichen Stuben.

Celan und Müller: Versuch einer parallelen Lektüre I

Nun also der Versuch einer parallelen Lektüre Paul Celans Nachlassprosa und Herta Müllers Atemschaukel, dieser beiden deutschsprachigen Rumänen, die in so unterschiedlichen Zeiten lebten und doch so ähnliche Themen bearbeiten. Auch sprachlich wirkt Müller ein wenig wie Celan in seinen frühen Gedichten mit ihren Sprachbildern und Fallstricken (gerade letzteres erinnert auch an Kafka).

Nichts ist schwärzer als der leuchtende Morgen der Erinnerung.

Paul Celan. 3.1.

Ich wusste zu gut, es gibt ein inneres Gesetz wonach man mit dem Weinen nie anfangen darf, wenn man zu viele Gründe hat. Ich redete mir ein, dass die Tränen von der Kälte kommen und glaubte mir.

Herta Müller. S. 78.

Mahnliteratur schreiben sie beide. Celan, der den Holocaust immer und immer wieder von allen Seiten betrachtet und an das Grauen mahnt und Müller, die die Diktatur nach dem Weltkrieg beschreibt. Ich lese, wie Leopold Auberg aus der Enge der Kleinstadt hinaus will und sei es ins Lager. Alles schien ihm besser, als dort zu bleiben, wo er war. Wie ihn schlussendlich der Satz seiner Grossmutter „ich weiss du kommst wieder“ am Leben hält.

Demut lehren sie beide. Schätzen, was man hat.

Quellnachweis:
Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 17.
Herta Müller: Atemschaukel. München. 2009. S. 78.