Mikrolithen sinds, Steinchen II

Die Meerfahrt des heiligen Brandan (um 1460). Quelle Wikimedia Commons.
Die Meerfahrt des heiligen Brandan (um 1460). Quelle Wikimedia Commons.

Denn unser Wissen ist Stückwerk

1Kor 13,19

 Nun bin ich bis zu Celans erzählender Prosa vorgedrungen und lese die Geschichte vom Eichhörnchen, das sich eine gläserne Nussschale wünschte und sie zuletzt bekam, die ich euch so gerne verlinken würde, die es im Netz aber nicht zu geben scheint. Es ist die Geschichte von einem blinden, alten Eichhörnchen, das nicht glauben konnte, dass die Nussschale tatsächlich gläsern war. Es wollte sie zerschlagen, zerstören als Beweis, doch der Wald bedeckte sich mit Laub und die Nussschale zerbrach nicht. Die übrigen Hörnchen klagen den Wald, der Mooses heisst, an, das Eichhörnchen getötet zu haben, doch der antwortet:

«Nicht ich, sein Wunsch hat es getötet», antwortete der Wald. «Sein Wunsch war sein Leben, und der Wunsch ist ganz geblieben.»

Gerrit van Honthorst: Der ungläubige Thomas (17. Jh.). Quelle: Wikimedia Commons.

Paul Celan. 113.

 In der nachfolgenden Prosaminiatur schreibt Celan schliesslich:

Du Tor! Lass ab davon, du wirst es nie erfahren, soweit reicht das, was du für deinen Verstand hältst gewiss nicht. Hoch über deinem Kopfe vollzieht sich all das. Du siehst es nicht, hörst es nicht, merkst es nicht. Wozu auch?

Paul Celan. 114.

Selbst hier – bei Celan! – schaffe ich es beim Christentum zu landen. Zunächst bei Brandan, der, weil er, wie das Eichhörnchen, nicht glauben wollte und deshalb in einem Boot, das in den Darstellungen eher einer Nussschale gleicht, lossegeln und lernen muss, zu glauben. Unwidersprochen zu glauben um des Glaubens willen. Und schliesslich bei Thomas, dem Ungläubigen, der Jesus erst in die Wunden fassen musste, um ihn zu erkennen. Jesus sagt zu ihm:

Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Joh 20,29

Vielleicht ist dies das Geheimnis: Vertrauen können.

Quellnachweis: Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 63f.

I

Die Vögel kämpfen am Futterhäuschen um ihren Platz und verstreuen die Körner über den Balkon. Auch hier wieder die Vögel, die ernten ohne zu säen, wie damals, als ich Am Gletscher von Laxness las und hier darüber schrieb (die Artikelreihe ist einer meiner Neuanfangsphasen zum Opfer gefallen). Vertrauen wünsche ich mir. Dinge auch mal stehen lassen können.