Sterben III

Die Frage nach dem Wesen der Erinnerung beschäftigt mich weiterhin. Es ist vielleicht gerade dieses bedingungslos Offene, das an Knausgard fasziniert. So wie auch das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf die Menschen zu faszinieren wusste, weil es gerade nicht verheimlichte und offenlegte, was wir uns zu verheimlichen gewohnt sind.

Er beschreibt, wie die Kinder seine schlechtesten und besten Seiten zu provozieren wissen, wie er Dinge tut, die gute Eltern gemeinhin nicht tun dürfen und trotzdem halte ich ihn für keinen schlechten Vater. Nur für viel ehrlicher, als die meisten Menschen.

Ich staune noch immer über sein Erinnerungsvermögen und freue mich umso mehr, als er ungefähr in der Mitte des Buches mit einem Exkurs über seine Erinnerung einsetzt. Über seinen Zustand vor dem Autobiographie-Projekt schreibt er:

Abgesehen von einzelnen Episoden, über die Yngve und ich so oft gesprochen hatten, dass sie nahezu biblische Proportionen angenommen hatten, war mir von meiner Kindheit kaum etwas in Erinnerung geblieben. Das hieß, ich erinnerte mich an praktisch nichts, was geschehen war – an die Räume, in denen sich alles abgespielt hatte, dagegen schon. Ich entsann mich aller Orte, an denen ich gewesen, aller Zimmer, in denen ich mich aufgehalten hatte. Nur nicht an das, was sich in ihnen ereignet hatte.

Sterben. S. 173.

Und plötzlich erinnert er sich, an Dinge, die er längst verdrängt oder vergessen glaubte. Bei Knausgard ist es ein Gesicht im Fussboden, das ihn an ein Gesicht im Meer erinnert, das er als Kind einmal gesehen hatte – so wie es bei Proust ein Madeleine war, das ihn zum Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit inspirierte.

Literatur sei Niederreissen, schreibt er später und führt als Beispiel Rimbaud an, dessen Niederreissen so weit ging, dass er im Alter von knapp 20 Jahren das Schreiben einstellte.

In gewisser Weise gilt Rimbauds berühmter Satz

Je est un autre. | Ich ist ein Anderer.

auch für Knausgard. Vermutlich erst wenn das Ich losgelassen wird, ist ein solches offenes Schreiben möglich, das auf diese Weise verletztlich wirkt.

Sterben II

Je weiter ich bei Knausgard voranschreite, desto mehr staune ich über sein Erinnerungsvermögen. An alles scheint er sich zu erinnern, an Namen, Orte, Gerüche, daran wer was zu wem gesagt hatte.

Und während ich damals viel Zeit damit verbrachte, an die Vergangenheit zu denken, fast schon krankhaft viel Zeit, wie ich heute erkennen muss, und deshalb Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nicht nur las, sondern regelrecht verschlang, ist die Vergangenheit in meinem Denken heute kaum noch gegenwärtig.

Sterben. S. 67.

Im Gegensatz dazu ich, deren Erinnerung bestenfalls als fragmentiert bezeichnet werden kann und die dennoch im ewigen Gestern lebt. Es sind allenfalls Geschichten, die ich mir immer wieder erzähle und meine Vergangenheit nenne.