Im Frühling sterben II

Er neigte den Kopf, sog den Duft nach Majoran und Lorbeer ein, und seine Augen wurden feucht: «Bislang dachte ich immer, an der Front ist Sterben das Ärgste», sagte er und sah den Freund an. «Aber das stimmt nicht, Ata, das ist überhaupt nicht wahr. Wenn man Glück hat, ist Sterben ein Fingerschnippen. Dass du kaum Schlaf kriegst und nie weißt, ob Nachschub durchkommt, ist viel furchtbarer. Den Gedanken, hungrig massakriert zu werden, kannst du kaum ertragen. Satt essen will man sich noch ein Mal, bevor man für nichts und wieder nichts draufgeht.» Leise stöhnend biss er in das zarte Fleisch.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. S. 102f.