Das Leben als Leerstelle

«Das Paradies ist schlecht zu ertragen, solange man noch nicht gestorben ist, […]»

Leta Semadeni, Tamangur


Wenn die Grossmutter vom Grossvater spricht, wandern ihre Augen immer wieder zur Zimmerdecke, von dort scheinen sie sich ihren Weg nach Tamangur zu suchen.Tamangur, ein Ort an dem es keine Gemsen, keine Sonntage, kein Weihnachten und keine Sonntagsbraten gibt, wie die Grossmutter erklärt. Es sei als ob. Der Erstlingsroman von Leta Semadeni zeichnet sich vor allem durch Leerstellen aus, durch das Ungesagte. Tamangur wird zu einer verwunschen klingenden Chiffre für das Reich der Toten.

Die Lyrikern bleibt ihrer Gattung treu, so ist auch Tamangur kein Roman im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr eine Sammlung von 73 Prosaminiaturen, die sich erst durch die Rezeption zu einem Roman zusammenfügen. Das Ungesagte trägt die Leserin durch das Werk. Es führt dazu, dass scheinbar Unzusammenhängendes sich ineinander verkettet und weiterträgt.

Leerstellen sind es, die die Leben der Grossmutter und des Kindes ausmachen. Es fehlt der Grossvater, es fehlen die Eltern und es fehlt der Bruder, der im Fluss ertrunken ist. Vielleicht ist das Kind schuld. Die Grossmutter und das Kind arrangieren sich, spenden sich Wärme und Trost und doch können sie die gegenseitigen Leerstellen nicht auffüllen.

Und dann gibt es all die anderen skurrilen Gestalten, die den Roman bevölkern. Elsa mit ihrem Elvis im Schlepptau und Kasimir, den Freund des Grossvaters, die Schneiderin, die Erinnerungen klaut und die Nachbarin.

«Meine Seele fotografiert viele Sachen, […] aber ich weiß nicht immer, wohin die Bilder gehören. Sie tauchen plötzlich auf und verlangen, dass ich ihnen Aufmerksamkeit gebe.»

Die Erwachsenen verstricken sich in ihren Erinnerungen und Begierden, während sich das Kind wundert. Die lyrisch-kindliche Erzählperspektive schafft ein zutiefst menschliches Panoptikum, das die Dorfwelt des Romans in die städtische Stube holt. Es ist ein Werk, das Gattungsgrenzen sprengt. Es ist kein Roman, kein Gedicht und auch kein Miniaturzyklus. Es ist ein Dazwischen. Ebenso wie auch die Menschen im Werk irgendwo zwischen Realität, Traum, Vorstellung und Fiktion changieren.

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