IX

Das Blog, das mich in den letzten Tagen nur über das Mobiltelefon reinliess und wie die kleine Tastatur die Schreibunlust nur noch förderte. Überhaupt streikt die Technik.

Die Reaktionen der arabischen Medien auf die Anschläge in Paris sind hochgradig erfreulich.

Ich habe es tatsächlich ausgehalten, nachdem ich Sterben abgeschlossen habe, drei Tage zu warten, bevor ich mit Lieben begann. Gestern angefangen zu lesen: in einer Verfassung, als ob ich Entzugserscheinungen hätte.

Immer noch der Wunsch zu schweigen.

VIII

Während der Lektüre immer wieder die Frage, was mich eigentlich davon abhält, in dieser Offenheit zu schreiben. Woher eigentlich diese ständige Schere im Kopf kommt. Ich hielt es lange für Rücksichtnahme gegenüber den Anderen.

Heute dann die Erkenntnis, dass Scham eines der Stichworte ist. Scham darüber, dieses kleine bedeutungslose Leben offenzulegen und dann vielleicht auch noch jemanden kommen zu lassen, der den Finger in die Wunde legt. Als ob die Anderen ein grösseres Leben hätten. Trotzdem oder gerade deswegen der Wunsch nach Nähe, nach echten Gesprächen.

Sterben IV

Giotto di Bondone (um 1305): Cappella degli Scrovegni (Quelle: Wikimedia Commons)
Giotto di Bondone (um 1305): Cappella degli Scrovegni (Quelle: Wikimedia Commons)

Er tat das alles, als wäre er vollkommen allein. Als schenkte er dem Blick anderer niemals Beachtung. So hatte Giotto die Menschen gemalt. Auch sie schienen sich nie bewusst zu sein, dass sie gesehen wurden. Kein anderer hatte die Aura des Schutzlosen so abgebildet wie er. Wahrscheinlich war es eine Frage der Zeit, denn die nächsten Generationen italienischer Maler, die großen Generationen, hatten das Bewusstsein des Blicks immer in ihre Bilder eingearbeitet. Das machte sie weniger naiv, aber sie offenbarten auch weniger.

Sterben.

Das Zitat könnte auch eine Darstellung des Schreibens Knausgards sein.

VII

Hieronymus Bosch (1450 – 1516): Der Garten der Lüste (Ausschnitt)
Hieronymus Bosch (1450 – 1516): Der Garten der Lüste (Ausschnitt). Quelle: Wikimedia Commons.

Erst als ich gestern Abend, schon im Halbschlaf, bei Knausgard von der katholischen Vorstellung des jüngsten Gerichts las, in der die Toten auferstehen und erst alle ihre Knochen einsammeln müssen, bevor sie am Gericht antreten dürfen, begriff ich, was es bedeutet, dass nichtmal der katholische Priester, der uns in der Schule Religionsunterricht erteilte, daran glaubte. Er erzählte es uns auf eine Weise, als handle es sich um einen Witz. Wir lachten noch tagelang darüber. Trotzdem hielt ich ihn für gläubig (bzw. halte ihn immernoch), nur eben auf eine liebevolle Monty-Python-Weise. Dies stiess gerade den eingefleischten Katholiken im Kurs immer sehr auf. Besonders als wir Monty Python’s Life of Brian schauten.

Sterben III

Die Frage nach dem Wesen der Erinnerung beschäftigt mich weiterhin. Es ist vielleicht gerade dieses bedingungslos Offene, das an Knausgard fasziniert. So wie auch das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf die Menschen zu faszinieren wusste, weil es gerade nicht verheimlichte und offenlegte, was wir uns zu verheimlichen gewohnt sind.

Er beschreibt, wie die Kinder seine schlechtesten und besten Seiten zu provozieren wissen, wie er Dinge tut, die gute Eltern gemeinhin nicht tun dürfen und trotzdem halte ich ihn für keinen schlechten Vater. Nur für viel ehrlicher, als die meisten Menschen.

Ich staune noch immer über sein Erinnerungsvermögen und freue mich umso mehr, als er ungefähr in der Mitte des Buches mit einem Exkurs über seine Erinnerung einsetzt. Über seinen Zustand vor dem Autobiographie-Projekt schreibt er:

Abgesehen von einzelnen Episoden, über die Yngve und ich so oft gesprochen hatten, dass sie nahezu biblische Proportionen angenommen hatten, war mir von meiner Kindheit kaum etwas in Erinnerung geblieben. Das hieß, ich erinnerte mich an praktisch nichts, was geschehen war – an die Räume, in denen sich alles abgespielt hatte, dagegen schon. Ich entsann mich aller Orte, an denen ich gewesen, aller Zimmer, in denen ich mich aufgehalten hatte. Nur nicht an das, was sich in ihnen ereignet hatte.

Sterben. S. 173.

Und plötzlich erinnert er sich, an Dinge, die er längst verdrängt oder vergessen glaubte. Bei Knausgard ist es ein Gesicht im Fussboden, das ihn an ein Gesicht im Meer erinnert, das er als Kind einmal gesehen hatte – so wie es bei Proust ein Madeleine war, das ihn zum Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit inspirierte.

Literatur sei Niederreissen, schreibt er später und führt als Beispiel Rimbaud an, dessen Niederreissen so weit ging, dass er im Alter von knapp 20 Jahren das Schreiben einstellte.

In gewisser Weise gilt Rimbauds berühmter Satz

Je est un autre. | Ich ist ein Anderer.

auch für Knausgard. Vermutlich erst wenn das Ich losgelassen wird, ist ein solches offenes Schreiben möglich, das auf diese Weise verletztlich wirkt.

Sterben II

Je weiter ich bei Knausgard voranschreite, desto mehr staune ich über sein Erinnerungsvermögen. An alles scheint er sich zu erinnern, an Namen, Orte, Gerüche, daran wer was zu wem gesagt hatte.

Und während ich damals viel Zeit damit verbrachte, an die Vergangenheit zu denken, fast schon krankhaft viel Zeit, wie ich heute erkennen muss, und deshalb Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nicht nur las, sondern regelrecht verschlang, ist die Vergangenheit in meinem Denken heute kaum noch gegenwärtig.

Sterben. S. 67.

Im Gegensatz dazu ich, deren Erinnerung bestenfalls als fragmentiert bezeichnet werden kann und die dennoch im ewigen Gestern lebt. Es sind allenfalls Geschichten, die ich mir immer wieder erzähle und meine Vergangenheit nenne.

Sterben I

Nun also auch wieder das Bild von Rembrandt über das die Mützenfalterin schon geschrieben hat. Das Alter, das wir, ebenso wie den Tod, aus unserer Gesellschaft verbannt haben.

Die Augen seien das, worin die Seele des Menschen erkennbar wäre, schreibt Knausgard sinngemäss. Bei Augen muss ich immer auch an Suren Manvelyan denken, dessen Augenprojekt durch die unangenehm-schmerzhafte Nähe gerade dieses Transzendente vordergründig zu überbrücken scheint und dann doch wieder darauf zurückfällt. Die Augen sehen wie zerklüftete Eingänge aus und mittendrin liegt das gleichmässige Schwarz.