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Herta Müller und Paul Celan haben mich sprachlos gemacht. Vieles wollte ich schreiben und kam mir schlussendlich doch immer wieder indiskret vor. Vor einiger Zeit schon wurde ich durch die Mützenfalterin auf Karl Ove Knausgard aufmerksam, von dem ich mir soeben Sterben geliehen habe.

Vor Jahren, als ich einmal in jugendlichem Alter in Osteuropa in einer Kirche war, beobachtete ich eine Bekannte beim Beten. Noch nie habe ich jemanden so inbrünstig beten gesehen. Sie war ein fröhliches Mädchen, stets heiter und stets hilfsbereit. Später dann, bei ihr zu Hause, in diesem Haus voller Häkeldeckchen, Marien- und Madonnenfigürchen, lernte ich ihren Vater kennen. Das Gespräch mit ihm glich einen Verhör. Später erfuhr ich, er sei beim Geheimdienst gewesen.

Ich weiss nicht, warum ich mich bei der Lektüre von Knausgard daran erinnere. Vielleicht, weil auch Knausgard in Sterben berichtet, gläubig gewesen zu sein. Vielleicht, weil auch dieser Vater allmächtig wirkte. Vielleicht, weil es einfacher ist als die eigene Vergangenheit.

Mikrolithen sinds, Steinchen II

Die Meerfahrt des heiligen Brandan (um 1460). Quelle Wikimedia Commons.
Die Meerfahrt des heiligen Brandan (um 1460). Quelle Wikimedia Commons.

Denn unser Wissen ist Stückwerk

1Kor 13,19

 Nun bin ich bis zu Celans erzählender Prosa vorgedrungen und lese die Geschichte vom Eichhörnchen, das sich eine gläserne Nussschale wünschte und sie zuletzt bekam, die ich euch so gerne verlinken würde, die es im Netz aber nicht zu geben scheint. Es ist die Geschichte von einem blinden, alten Eichhörnchen, das nicht glauben konnte, dass die Nussschale tatsächlich gläsern war. Es wollte sie zerschlagen, zerstören als Beweis, doch der Wald bedeckte sich mit Laub und die Nussschale zerbrach nicht. Die übrigen Hörnchen klagen den Wald, der Mooses heisst, an, das Eichhörnchen getötet zu haben, doch der antwortet:

«Nicht ich, sein Wunsch hat es getötet», antwortete der Wald. «Sein Wunsch war sein Leben, und der Wunsch ist ganz geblieben.»

Gerrit van Honthorst: Der ungläubige Thomas (17. Jh.). Quelle: Wikimedia Commons.

Paul Celan. 113.

 In der nachfolgenden Prosaminiatur schreibt Celan schliesslich:

Du Tor! Lass ab davon, du wirst es nie erfahren, soweit reicht das, was du für deinen Verstand hältst gewiss nicht. Hoch über deinem Kopfe vollzieht sich all das. Du siehst es nicht, hörst es nicht, merkst es nicht. Wozu auch?

Paul Celan. 114.

Selbst hier – bei Celan! – schaffe ich es beim Christentum zu landen. Zunächst bei Brandan, der, weil er, wie das Eichhörnchen, nicht glauben wollte und deshalb in einem Boot, das in den Darstellungen eher einer Nussschale gleicht, lossegeln und lernen muss, zu glauben. Unwidersprochen zu glauben um des Glaubens willen. Und schliesslich bei Thomas, dem Ungläubigen, der Jesus erst in die Wunden fassen musste, um ihn zu erkennen. Jesus sagt zu ihm:

Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Joh 20,29

Vielleicht ist dies das Geheimnis: Vertrauen können.

Quellnachweis: Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 63f.

Celan und Müller: Versuch einer parallelen Lektüre I

Nun also der Versuch einer parallelen Lektüre Paul Celans Nachlassprosa und Herta Müllers Atemschaukel, dieser beiden deutschsprachigen Rumänen, die in so unterschiedlichen Zeiten lebten und doch so ähnliche Themen bearbeiten. Auch sprachlich wirkt Müller ein wenig wie Celan in seinen frühen Gedichten mit ihren Sprachbildern und Fallstricken (gerade letzteres erinnert auch an Kafka).

Nichts ist schwärzer als der leuchtende Morgen der Erinnerung.

Paul Celan. 3.1.

Ich wusste zu gut, es gibt ein inneres Gesetz wonach man mit dem Weinen nie anfangen darf, wenn man zu viele Gründe hat. Ich redete mir ein, dass die Tränen von der Kälte kommen und glaubte mir.

Herta Müller. S. 78.

Mahnliteratur schreiben sie beide. Celan, der den Holocaust immer und immer wieder von allen Seiten betrachtet und an das Grauen mahnt und Müller, die die Diktatur nach dem Weltkrieg beschreibt. Ich lese, wie Leopold Auberg aus der Enge der Kleinstadt hinaus will und sei es ins Lager. Alles schien ihm besser, als dort zu bleiben, wo er war. Wie ihn schlussendlich der Satz seiner Grossmutter „ich weiss du kommst wieder“ am Leben hält.

Demut lehren sie beide. Schätzen, was man hat.

Quellnachweis:
Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 17.
Herta Müller: Atemschaukel. München. 2009. S. 78.

Mikrolithen sinds, Steinchen I

Widmung in einem Gedichtband:
Du warst der Sarg, aus dem ich
hinabgestiegen bin, um das zu sa(r)gen.
1.10

Mit Erstaunen tauche ich ein in diese Nachlassprosa Celans, die in den frühen Jahren entstanden ist. Celan, den ich bislang als grosse Stimme des Holocausts kennengelernt habe, schrieb 1947 noch gemeinsam mit seinem Freud Petre Solomon teilweise ganz unbeschwerte Texte auf Rumänisch. Es sind Wortspiele, aphoristische Notizen. Manche sind naiv-unbeschwert und manche lassen die Schwere und Tiefe Celans ahnen. Manche sind Klamauk und manche möchte ich mir am liebsten eingerahmt an die Wand hängen.

Quellenachweis: Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Hg. von Barbara Wiedemann, Bertrand Badiou. Berlin. 2005. S. 12.